Falschinformationen über Sars-CoV-2 und die Covid-19-Krankheit erschweren Ärzten die Arbeit.

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Sars-CoV-2, landläufig einfach "das Coronavirus" genannt, hat aus 2020 ein außergewöhnliches Jahr gemacht. Zahlreiche Länder verhängten aufgrund der grassierenden Pandemie Ausgangsbeschränkungen. Der Schulbetrieb musste stärker auf E-Learning setzen, und in zahlreichen Unternehmen hat sich die Arbeit aus dem Homeoffice etabliert.

Eine Entwicklung von solcher Tragweite sorgt aber auch für Verwerfungen darüber hinaus. Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus finden auch zahlreiche Gegner. Unter legitime Kritik mischen sich dabei oft Verschwörungserzählungen und Falschinformationen. Und die haben Folgen im Alltag und erschweren Ärzten mitunter ihre Arbeit im Kampf gegen die Pandemie.

Fake-News im Operationssaal

Über diese Probleme berichten die Ärztin Seema Yasmin und der Notfallmediziner Craig Spencer in der "New York Times". Mythen über das Virus dringen mitunter bis in den Operationssaal vor. So berichten die beiden von einem Operationshelfer, der davon überzeugt war, dass es bereits ein Heilmittel für die Covid-19-Erkrankung gäbe. Denn ein befreundeter Arzt hatte ja etwas darüber auf Facebook gepostet. Auch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, laut denen eben noch kein zuverlässiges Mittel gegen Covid-19 bekannt ist, konnten ihn nicht umstimmen.

Vor allem aber hören die Ärzte solcherlei Aussagen immer wieder von Patienten. Egal ob Heilungsversprechen oder Behauptungen, dass das Virus in einem chinesischen Labor entstanden sei – über soziale Netzwerke verbreiten sich solche Behauptungen rasend schnell. Laut Erhebungen der Nonprofit-Organisation Avaaz erreichten Fake-News im Gesundheitsbereich allein im vergangenen April 460 Millionen Aufrufe auf Facebook. Zwischen Ende Mai 2019 und Ende Mai 2020 sollen Seiten, die pseudowissenschaftliche Informationen und Medizin-Hoaxes verbreiten, es auf rund 3,8 Milliarden Aufrufe gebracht haben.

Facebook ermöglicht Scharlatanen leichtes Spiel

Die Top Ten der medizinischen Falschmeldungen erreichte im vergangenen April auf Facebook viermal mehr Aufrufe als Inhalte der Weltgesundheitsorganisation, des US Center for Disease Control und anderer führender Gesundheitsinstitutionen.

Ein Big Player unter den Fake-News-Seiten ist "Real Farmacy", das binnen eines Jahres über 580 Millionen auf Facebook generieren konnte. Dort wird unter anderem über kolloidales Silber als Mittel gegen Viren berichtet, obwohl es dafür keinerlei Belege gibt.

Mit einer Plattform, die solchen Inhalten eine riesige Reichweite gibt, könne man "nicht mithalten", erklären die Mediziner. Die Folgen spüre man im medizinischen Betrieb. Patienten stellen evidenzbasierte Medizin infrage, verweigern sichere Behandlungen und Impfungen und erklären mit Verweis auf Facebook, dass es die Covid-19-Erkrankung gar nicht gäbe. "Facebook macht es für uns schwerer, unsere Arbeit zu machen", heißt es abschließend. Pandemien hätten zwar immer schon Scharlatane angelockt, doch erst soziale Netzwerke hätten es ihnen ermöglicht, auf globaler Ebene aufzublühen.

Digitaler Angriff auf Tageszeitung

Doch es bleibt nicht nur bei der Irreführung von Menschen und dem Verkauf von Wundermitteln, schreibt der "Sydney Morning Herald". Die Corona-Verschwörungserzähler fahren mittlerweile auch organisierte Angriffe auf Medien. Opfer eines solchen wurde etwa die australische Tageszeitung "The Age". Dort hatte man, basierend auf Daten der Gerichtsmedizin von Victoria, berichtet, dass es trotz der psychischen Herausforderungen der Pandemie bislang keinen Anstieg der Suizidrate im Vergleich zum Vorjahr in dem Bundesstaat gegeben habe. Damit widerlegte man auch eine auf Facebook kursierende Behauptung, dass diese wegen des Lockdowns um 200 Prozent angestiegen sei.

Auf der Facebook-Seite von "The Age" landeten kurz darauf tausende Nachrichten mit Hassbotschaften, Verschwörungsinhalten und Morddrohungen. Während der Artikel weiterhin abrufbar ist, wurde das Facebook-Posting aufgrund der Flut nicht tolerierbarer Kommentare entfernt und die Polizei eingeschaltet. Man übte Kritik an dem sozialen Netzwerk, bezichtigte es, einen "geschützten Raum für Irre" zu bieten, und fordert die Möglichkeit, die Kommentarfunktion für bestimmte Postings sperren zu können.

Koordinierte Kommentarflut

Ausgegangen war die Attacke von einer großen Facebook-Gruppe namens "Millions Rise for Australia", die ihre "digitalen Soldaten" dazu aufgefordert hatte, die Kommentare zu stürmen. Immer wieder auch wird die Seite von Daniel Andrews, Premier des Bundesstaates Victoria, heimgesucht.

In einem Instagram-Posting sprechen die mutmaßlichen Gründer der Gruppe davon, wie sie mit koordinierten Attacken die Nachrichtenberichterstattung beeinträchtigen wollen und dies auch schon in einigen Fällen gelungen sei. "Wenn jeder von euch fünf bis zehn Kommentare unter jedem Posting hinterlässt (…) und auf der Seite in fünf Minuten 50.000 Kommentare landen, dann müssen sie sie vom Netz nehmen."

Auch andernorts haben Journalisten mit Verschwörungserzählern zu kämpfen. Neben Onlinekommentaren finden sie sich auch abseits der digitalen Sphäre in Bedrängnis. So kam es laut der Deutschen Journalistinnen- und Journalistenunion (DJU) im Rahmen der jüngsten Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der deutschen Regierung in Berlin zu zahlreichen Übergriffen auf Pressemitarbeiter in Form von Beleidigungen, Spuckattacken und Schlägen. (gpi, 1.9.2020)