Während in Deutschland Justiz und Politik die Aufarbeitung des Bilanzskandals des inzwischen insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard vorantreiben, bleibt der österreichische Ex-Finanzchef Jan Marsalek weiterhin auf der Flucht. Obwohl er wohl Einiges zur Aufklärung beitragen könnte, werden deutsche Behörden wohl kaum auf ihn zugreifen können. Der russische Auslandsgeheimdienst SWR, in dessen Obhut sich Marsalek derzeit in einem Anwesen in Moskau befinden soll, hat einem "Handelsblatt"-Bericht zufolge zugesichert, dass er nicht ausgeliefert werde. Als Quelle werden Bekannte des Managers genannt, die zur eigenen Sicherheit anonym bleiben wollten.

Im Wirecard-Bilanzskandal sind noch nicht alle Kapitel geschrieben, eines soll nun ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss verfassen.
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Dabei hätte Marsalek wohl so einiges zu erzählen, zumal ihn der russische Investigativjournalist Roman Dobrochotow ihn laut dem Bericht für einen "Geheimnisträger erster Güte" hält. Demnach soll der Ex-Manager für den SWR als eine Art Geldkurier gedient für russische Geheimoperationen gedient haben, etwa zur Bezahlung von Söldnern in Syrien, der Ukraine und in Afrika. Zudem soll Marsalek russischen Geschäftsleuten bei der Umgehung des Verbots von Online-Glücksspiel behilflich gewesen sein.

Relativ offen soll Marsalek früher auch mit Kontakten zu Geheimdiensten geprahlt haben, neben US-Diensten oder dem israelischen Mossad auch zum BND, was wiederum in Deutschland hohe Wellen schlägt. "Dem Bundesnachrichtendienst liegen keine nachrichtendienstlichen Erkenntnisse zur Wirecard AG vor", teilte die deutsche Bundesregierung daraufhin mit. Damit will sich die Opposition nicht abspeisen lassen und bringt einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss auf den Weg. Die Grünen teilten mit, die FDP und die Linke dabei zu unterstützen, womit es im Bundestag genug Stimmen gibt, um ein solches Gremium einrichten zu können. Zumal sich auch die AfD dafür ausgesprochen hatte.

Bafin im Fokus

Im Fokus dürfte dabei auch die Finanzaufsicht Bafin stehen und warum der Bilanzskandal so lange unentdeckt blieb. Zudem sind auch andere Behörden in die Kritik geraten: Demnach habe die Anti-Geldwäsche-Einheit FIU bereits Anfang 2019 zwei "werthaltige Meldungen" an das Landeskriminalamt Bayern übermittelt, die Informationen über verdächtige Transaktionen von früheren Wirecard-Vorständen enthalten haben sollen. Die Hinweise seien aber versandet und nicht weiterverfolgt worden.

Unterdessen will die große Koalition aus Unionsparteien und SPD die Regeln für Wertpapiergeschäfte von Bafin-Mitarbeitern verschärfen. Deren Beschäftigte handelten in den Monaten vor der Wirecard-Pleite im Juni verstärkt mit Papieren des Zahlungsanbieters. Im ersten Halbjahr entfielen 2,4 Prozent aller gemeldeten privaten Finanzgeschäfte von Bafin-Mitarbeitern auf Wirecard-Aktien oder -Aktienderivate. (aha, 1.9.2020)