Mit der Freundschaft zwischen Indien und China, die eine Tafel in Arunachal Pradesh bezeugen soll, ist es an anderen Teilen der Grenze nicht weit her.

Foto: Reuters / Adnan Abidi

Keine zwei Monate ist es her, dass indische und chinesische Soldaten bei einem Zusammenstoß in der Grenzregion im Himalaja starben. Der Zwischenfall in 4.500 Metern Höhe ist nicht restlos geklärt. Dem Vernehmen nach aber gingen die Soldaten mit Stöcken aufeinander los und schmissen sich gegenseitig einen steilen Abhang hinunter. 20 indische und eine unbekannte Anzahl chinesischer Soldaten starben dabei. Am Wochenende ist es nun wieder zu Zusammenstößen zwischen den beiden Atommächten gekommen.

Indischen Angaben zufolge seien am Samstagabend 500 Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee in das Spanggur-Tal eingedrungen. In einem dreistündigen Gefecht habe man diese wieder zurückgeschlagen. Ob es dabei Tote gab, ist unbekannt. Indischen Angaben zufolge sei dies der dritte Versuch innerhalb von drei Tagen gewesen, auf indisches Territorium vorzurücken. In China beschuldigt man wiederum Indien, auf chinesisches Gebiet eingedrungen zu sein.

Fast unbewohnt, aber wichtig

Das umstrittene Tal befindet sich in Ladakh, wo der westliche Teil der Grenze verläuft. Die Gebiete sind weitgehend unbewohnt, aber von strategischer Bedeutung. Am Dienstag wurde bekannt, dass Indien aber auch seine Truppenpräsenz in Arunachal Pradesh, einem Grenzabschnitt östlich des Königreichs Bhutan, erhöht.

Das chinesische Außenministerium ließ verlautbaren, dass chinesische Soldaten zu keinem Zeitpunkt die "Line of Actual Control" (LAC) überschritten hätten. Der Grenzverlauf zwischen beiden Staaten ist in dieser Region seit Jahrzehnten ungeklärt und umstritten. Im Oktober 1962 war es zu einem kurzen Krieg zwischen beiden Ländern gekommen. Die Militärgrenze bildet die LAC, die aber von keinem der beiden Staaten als offizieller Grenzverlauf anerkannt ist. Seitdem fanden immer wieder kleinere Scharmützel statt. In Washington hieß es, "man beobachte den Konflikt sehr genau, hoffe aber auf eine friedliche Lösung".

Elefant vor dem Absturz

In der chinesischen Presse wird – wie im Konflikt mit den USA – betont, dass man selbst auf Friedfertigkeit setze. Gleichzeitig droht Pekings Presse aber mit schweren Konsequenzen. Das indische Bruttosozialprodukt sei im zweiten Quartal um 23 Prozent eingebrochen, schreibt die Staatszeitung "Global Times". Das Land habe mitunter die höchsten Covid-19-Infektionen, heißt es weiter in der Staatszeitung jenes Landes, in dem das Coronavirus als Erstes nachgewiesen wurde. "Die indische Regierung hat ihre Hauptaufgabe vergessen, den Lebensstandard zu erhöhen." Die USA seien keine wirklichen Verbündeten, sondern würden das Land nur für ihre Zwecke missbrauchen. Eine Karikatur zeigt einen auf ein Loch zutapsenden Elefanten, dem die Augen verbunden sind.

Die Spannungen zwischen beiden Staaten steigen in einer für Peking denkbar ungünstigen Zeit. Denn seit Monaten befindet sich China auch in einer Eskalationsspirale mit den USA. Am Wochenende hatte Peking mit einer neuen Verordnung zu sensiblen Schlüsseltechnologien versucht, dem von US-Präsident Trump erzwungenen Verkauf der Videoplattform Tiktok Steine in den Weg zu legen. Trump will die App an ein amerikanisches Unternehmen verkauft sehen, oder sie andernfalls verbieten, weil sie Nutzerdaten ausspähe und an die Regierung in Peking weitergebe.

Der indische Präsident Narendra Modi ist da schon einen Schritt weiter gegangen. Seit Ende Juli sind in Indien zahlreiche chinesische Apps gesperrt, darunter Wechat, die als "Schweizer Taschenmesser" unter den Apps gilt und auch von vielen Nichtchinesen genutzt wird. Allerdings zensiert China das Internet selbst wie kein anderes Land. Zahlreiche Apps wie Facebook, Instagram, Twitter, aber auch westliche Websites sind dort seit Jahren gesperrt. (Philipp Mattheis, 2.9.2020)