Alexej Nawalny befindet sich in einem künstlichen Koma und wird maschinell beatmet.

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Der Kremlkritiker wird in der Berliner Charité behandelt.

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Berlin – Bei dem in Deutschland in Behandlung befindlichen russischen Regierungskritiker Alexej Nawalny wurde nach Angaben der deutschen Regierung "der zweifelsfreie Nachweis" eines chemischen Nervenkampfstoffs aus der Nowitschok-Gruppe erbracht. Auf Veranlassung der Berliner Charité-Klinik, wo Nawalny behandelt wird, hatte ein Speziallabor der deutschen Bundeswehr eine toxikologische Untersuchung durchgeführt.

Nawalny sei einem Verbrechen zum Opfer gefallen und habe zum Schweigen gebracht werden sollen, sagte die deutsche Bundeskanzlerin Merkel am Mittwoch in Berlin. "Wir erwarten, dass die russische Regierung sich zu diesem Vorgang erklärt. Es stellen sich sehr schwerwiegende Fragen, die nur die russische Regierung beantworten kann und muss", so die Kanzlerin. "Die Welt wird auf Antworten warten." Danach werde man zusammen mit den EU- und Nato-Partnern und "im Lichte der russischen Einlassungen" über eine angemessene gemeinsame Reaktion entscheiden.

Angela Merkel auf dem Weg zu ihrer Pressekonferenz.
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Das deutsche Auswärtige Amt hat den Botschafter Russlands über die Untersuchungsergebnisse unterrichtet. Ferner will die deutsche Bundesregierung nach eigenen Angaben mit der Organisation für das Verbot chemischer Waffen Kontakt aufnehmen.

Moskau: Keine Beweise für deutsche Angaben

Die russische Regierung sei bereit, mit Berlin "vollständig zu kooperieren", erklärte der Kreml am Mittwochabend in Moskau. Man könne derzeit noch nicht auf die Aussagen der deutschen Regierung im Fall Nawalny antworten. Der Kreml setze sich allerdings für einen vollständigen Informationsaustausch mit Deutschland ein, hieß es.

Zuvor hatte das russische Außenamt die deutschen Untersuchungserkenntnisse infrage gestellt: Es gebe keine Beweise für die Behauptungen der Bundesregierung. Zudem missachte Berlin die üblichen Kooperationsmechanismen. Die Verluste des russischen Rubel im Verhältnis zum Euro weiteten sich am Mittwochnachmittag aus.

Zusammenbruch auf Inlandsflug

Nawalny wird seit dem 22. August in der Berliner Charité behandelt. Der bekannte Kreml-Kritiker war am 20. August auf einem Inlandsflug in Russland zusammengebrochen. Zunächst wurde er im sibirischen Omsk behandelt, bevor er nach Deutschland geflogen wurde.

Russische Sicherheitsbehörden haben bisher erklärt, dass es keine Anzeichen für eine Straftat gebe – die Ärzte in Omsk hatten festgestellt, dass sie keine Hinweise auf eine Vergiftung gefunden hätten. Ein mutmaßlicher Anschlag auf Nawalny wäre indes kein Einzelfall: Russland wird schon für mehrere Giftattentate auf Regierungskritiker verantwortlich gemacht.

Zustand Nawalnys stabil

Der Gesundheitszustand Nawalnys ist nach Angaben der Berliner Charite weiterhin ernst. Zwar gingen die Symptome der nachgewiesenen Vergiftung zurück, Nawalny liege aber nach wie vor auf der Intensivstation und werde maschinell beatmet, teilte das deutsche Krankenhaus am Mittwoch mit. Es sei mit einem längeren Krankheitsverlauf zu rechnen. Langzeitfolgen der schweren Vergiftung seien nicht auszuschließen.

Nowitschok (zu deutsch Neuling) gilt als einer der tödlichsten je erfundenen Kampfstoffe. Im Jahr 2018 wurde der frühere russische Doppelagent Sergej Skripal damit vergiftet. Entwickelt wurde die Serie von Nervengiften in den 1970er- und 80er-Jahren von sowjetischen Forschern – im Geheimen, um internationale Verbote zu umgehen.

Reaktionen auf Nowitschok-Einsatz

Am Mittwoch verurteilten unter anderem die USA, die EU, Großbritannien, Litauen und auch Österreich den Einsatz von chemischen Kampfstoffen. "Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden", erklärte das österreichische Außenministerium und forderte erneut eine unabhängige und transparente Untersuchung des Angriffs.

Nach Ansicht seiner Unterstützer sei der mutmaßliche Giftanschlag auf Nawalny nur mithilfe der russischen Regierung möglich gewesen. Der eingesetzte Nervenkampfstoff sei schwer zu beschaffen und könne nur aus hoch spezialisierten Laboren entstammen. Der Direktor von Nawalnys Antikorruptionsstiftung FBK, Iwan Schadnow, schrieb auf Twitter: "Nur der Staat kann Nowitschok einsetzen", das stünde "ohne jeden Zweifel" fest. Ein weiterer Vertrauter Nawalnys, Leonid Wolkow, erklärte ebenso auf seinem Twitteraccount: Dass Nowitschok verwendet worden sei, weise eindeutig auf eine Beteiligung Putins hin. (red, Reuters, APA, 2.9.2020)