Wieder einmal hat es die Welt mit Nowitschok zu tun. Laut Auskunft der deutschen Bundesregierung stammt das Gift, das Kremlkritiker Alexej Nawalny in die Bewusstlosigkeit gestürzt hat, aus der Gruppe jener Kampfstoffe, die 2018 bereits den russischen Doppelagenten Sergej Skripal beinahe das Leben gekostet hätte. Dass Nowitschok zu den stärksten Nervengiften zählt, in der ehemaligen Sowjetunion entwickelt wurde und nicht einfach in improvisierten Garagenlabors hergestellt werden kann, schließt Szenarien herkömmlicher Vergiftungen aus – und rückt solche in den Fokus, deren Akteure mindestens in Geheimdienst-, wenn nicht in Regierungskreisen vermutet werden.

Der russische Präsident Wladimir Putin wird von einer Vielzahl kleinerer Machtzentren umschwirrt.
Foto: AP/Alexei Nikolsky

Überstürzte Schuldzuweisungen wären jedoch, wie immer in der Diplomatie, fehl am Platz. Für das innerste Machtzentrum in Moskau gäbe es gute Gründe, aus Nawalny keinen Märtyrer zu machen. Der Kreml hat in der Vergangenheit oft genug bewiesen, dass er seinen schärfsten Widersacher auch mit anderen Mitteln von der Macht fernhalten kann.

Doch Präsident Wladimir Putin wird von einer Vielzahl kleinerer Machtzentren umschwirrt – Seilschaften, die sich in Szene setzen und dem System ihre eigene Vorstellung von Stabilität aufzwingen wollen. Auch wenn der Kreml nichts mit Nawalnys Vergiftung zu tun haben sollte: Auf das staatliche Gewaltmonopol in Russland wirft sie ein verheerendes Licht. (Gerald Schubert, 3.9.2020)