Tony Abbott wird seitens der Opposition in Großbritannien kein angenehmer Empfang bereitet.

Foto: AP / Rod Guirk

Globale Berühmtheit erlangte Tony Abbott als stummer Zuhörer. Im australischen Parlament hatte der damalige konservative Oppositionschef die Labor-Regierung für deren Haltung zu Frauenrechten kritisiert. Da griff Premierministerin Julia Gillard ihren Kontrahenten frontal an: Sie werde von ihm keine Belehrungen entgegennehmen, schließlich verbreite Abbott täglich Frauenfeindlichkeit und Sexismus, nicht zuletzt gegen sie selbst. "Wenn er wissen will, wie Sexismus aussieht, sollte er in den Spiegel schauen."

Als Premierminister des Fünften Kontinents zwischen 2013 und 2015 war Abbott so erfolglos, dass ihn die eigene Fraktion stürzte. Bei der jüngsten Wahl entließ auch die bis dahin treue Wählerschaft der wohlhabenden Nordbezirke Sydneys den Politiker aus ihren Diensten, Abbott verlor den Wahlkreis. Auf der Jobsuche wurde der 62-Jährige jetzt im Brexit-Land fündig: Die Regierung von Premier Boris Johnson macht den in London geborenen Absolventen der Uni Oxford zum Handelsbeauftragten. Das bestätigte die Downing Street am Freitagabend.

Begeistert statt bewandert

Seit der Volksabstimmung reden die britischen Konservativen gern von "Global Britain", dem Vorkämpfer für den weltweiten Freihandel. Johnsons Vorgängerin Theresa May schuf eigens ein neues Ministerium für internationalen Handel; dessen erster Ressortchef Liam Fox wurde von der Regierung als – mutmaßlich aussichtsloser – Kandidat für den vakanten Chefposten in der Welthandelsorganisation WTO nominiert. Die derzeitige Ministerin Elizabeth Truss trägt gleichzeitig den altehrwürdigen Titel der "Präsidentin des Handelskomitees", diese Funktion wird sie zukünftig mit Abbott teilen.

Die Berufung dürfte eher Abbotts Brexit-Begeisterung geschuldet sein als seiner fundierten Kenntnisse des Welthandels. Natürlich habe man es als Premierminister nicht mit den Details zu tun, räumte der Australier diese Woche bei einem Webinar des rechten Londoner Thinktanks Policy Exchange ein. Beim Abschluss der vertragsreifen Abkommen Australiens mit Japan, Südkorea und China habe seine Funktion eher darin bestanden, unwichtige Details beiseite zu räumen und "auf höchster Ebene" für die Verträge zu werben. Auf keinen Fall dürfe man sich ablenken lassen von "Themen, die nichts mit dem Handel zu tun haben, beispielsweise die Umwelt". Oder Frauen- und Menschenrechte?

"Aber er ist ein Handelsexperte"

Nicht ganz zufällig liefen Organisationen wie Amnesty International, die Frauenorganisation Fawcett Society und die Bürgerrechtsgruppe Liberty Sturm gegen Abbott. Der Posten für einen "Trump anbetenden Frauenfeind" sei völlig unangemessen, empört sich Labours Handelssprecherin Emily Thornberry. Aus Edinburgh meldete sich die schottische Ministerpräsidentin zu Wort: Handelsbeziehungen führten "keine unabhängige Existenz von den Werten, für die ein Land weltweit bekannt sein möchte", teilte Nicola Sturgeon dem Sender Sky mit. "Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde er diesen Posten nicht bekommen. Er ist ein Frauenfeind, ein Sexist und ein Klimawandelleugner."

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, verzog Gesundheitsminister Matthew Hancock im Live-TV das Gesicht: "Aber er ist ein Handelsexperte", lautete die lahme Verteidigung des Politikers, der im Kabinett als einer der Liberalkonservativen gilt. Hingegen zählt Truss zu den ideologischen Brexiteers vom rechten Flügel, wo sich im britischen Kontext gewiss auch Abbott am ehesten wohlfühlen würde.

Unterdessen wandten sich am Freitag britische Logistikfirmen mit einem Aufschrei an die Öffentlichkeit: Knapp vier Monate vor Ende der Übergangsfrist seien weder IT-Systeme noch physische Abfertigungszentren für die zukünftig nötigen Zollkontrollen auch nur annähernd fertig, zudem fehle die große Mehrheit der 50.000 notwendigen Zollbeamten. Bei Truss und Abbott fällt dies wahrscheinlich in die Kategorie Detailfragen. (Sebastian Borger aus London, 4.9.2020)