Ist Donald Trump tatsächlich der schlechteste Präsident, den die USA jemals hatten? Zerstört er gedankenlos viel, was andere mit Wagnis und Umsicht aufgebaut haben? Brüskiert er wirklich stets die Weltgemeinschaft und ist er skrupellos genug, um aus Rassismus und Waffenfanatismus politisches Kapital zu schlagen? Und verdreht er die Wahrheit so, wie es ihm gerade nützt? Ja, das mag alles sein, und in den Meinungsumfragen liegt er seit Monaten im Rückstand. Dennoch sollten sich Trumps Gegner nicht allzu sicher sein: Joe Biden, der demokratische Herausforderer des republikanischen Präsidenten, hat die Wahl noch nicht gewonnen. Bloß als Anti-Trump aufzutreten wird nicht genügen.

US-Präsident Donald Trump liegt in den Meinungsumfragen im Rückstand.
Foto: AP/Evan Vucci

Schon vor vier Jahren machten die Demokraten mit ihrer Spitzenkandidatin Hillary Clinton den entscheidenden Fehler, den polemischen Quereinsteiger nicht ernst zu nehmen. Sie gingen nicht auf ihn ein und damit nicht auf jene Wählerinnen und Wähler, die Trump aus dem politischen Niemandsland holte: jene, die sozial und ökonomisch abgehängt sind; die keine Perspektive, dafür umso mehr Ängste um ihre Zukunft haben. Viele dieser Menschen waren vorher nie zu einer Wahl gegangen, "weil es eh keinen Sinn hat". Doch Trump lockte sie mit der Verheißung in die Wahlkabine, Amerika wieder großartig zu machen. Die Rechnung ging auf.

Diese Wählerschaft hält Trump seitdem die Treue, sie ist seine Basis – auch wenn er kaum ein Versprechen gehalten hat, kaum ihre Interessen vertritt, mehr spaltet als verbindet und auch beim Management der Covid-19-Pandemie versagt. Sie wählt ihn, weil er es "denen da oben" zeigt. Sie profitieren zwar nicht von ihm, aber er macht das kaputt, was sie angeblich kaputtgemacht hat. Das ist oft schon genug für die Entscheidung, wem man das nächste Mal die Stimme gibt.

Machterhalt oder Machtwechsel

Joe Biden wäre gut beraten, Trumps disruptive Attitüde nicht bloß als "Finsternis" zu brandmarken und sich selbst als "Licht" darzustellen. Ein Amerika ohne einen Präsidenten Trump ist nicht wie durch ein Wunder geheilt, es geht nicht zwangsläufig besseren Zeiten entgegen.

Was Biden mehr als bisher tun sollte, ist, eine Agenda zu betonen, die der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung konkrete Vorteile verspricht: Krankenversicherung und Bildungschancen für alle, mehr soziale Gerechtigkeit, Kinderbetreuung für Berufstätige und, und, und. Er muss die Abermillionen von Wechselwählern für sich gewinnen, die alle vier Jahre über Machterhalt oder Machtwechsel entscheiden.

Aber nicht nur das: Biden muss es vor allem schaffen, auch jene Demokraten anzusprechen, die sich heuer bei den Vorwahlen auf die Seite eines anderen Kandidaten geschlagen haben. Nötig ist eine mitreißende Themenführerschaft, die an Wechsel und Aufbruch glauben lässt. Um das zu schaffen, um Trump tatsächlich das Heft aus der Hand zu nehmen, braucht Biden bessere Ideen, mehr Charisma und mehr Elan als bisher. Die Zeit bis zum Wahltag am 3. November ist noch lang, und diese spielt womöglich gegen den Herausforderer. (Gianluca Wallisch, 4.9.2020)