Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen in Moskau heuer im Jänner.

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Ein "chemischer Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe" soll es sein. So hat es die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Vorwurf formuliert. Nähere Infos zu dem Stoff gibt es leider nicht, viele Fragen bleiben offen.

Denn Nowitschok ist kein Gift wie Arsen, Blausäure oder Rizin, das sich individuell verabreichen lässt. Nowitschok wurde als Massenvernichtungswaffe konzipiert. Es ist schwer zu dosieren und hat schon in geringsten Mengen eine riesige Streuwirkung. Das war auch bei der Skripal-Affäre ersichtlich, als Spuren des Gifts nach der Attacke auf den übergelaufenen russischen Agenten überall in Salisbury auftauchten. Während Sergej Skripal und seine Tochter den Anschlag überlebten, starb eine Unbeteiligte später an der Vergiftung.

Atropin kein Gegenmittel

Nawalny traf sich in Sibirien mit lokalen Oppositionsaktivisten und wurde von seinem Team begleitet. Übel wurde ihm im Flugzeug auf dem Rückweg nach Moskau. Doch weder einer seiner Mitreisenden im Flugzeug noch einer seiner Begleiter hat bisher über Vergiftungserscheinungen geklagt.

Zudem wandte der sowjetische Chemiker Wladimir Ugljow, einer der Entwickler von Nowitschok, ein, dass Atropin als Gegenmittel kategorisch ausgeschlossen wurde. Nawalny jedoch hat auf die Behandlung positiv angesprochen. Das widerspricht der Nowitschok-These.

Nebelgranatenaktionen

Natürlich kann der Kampfstoff inzwischen deutlich weiterentwickelt worden sein. Nur ist unklar, warum die russische Regierung – so lautet der Vorwurf – ausgerechnet das schon berühmt-berüchtigte Nervengift einsetzen sollte, das in westlichen Labors bereits entschlüsselt wurde, und dann Nawalny – zugegeben mit Verzögerung – zur Behandlung übergeben sollte, auf die Gefahr hin, entlarvt zu werden.

Um die Version eines Gifts der Nowitschok-Gruppe zu erhärten, müssen weitere Informationen über die Wirkungsweise des Kampfstoffs, Nebenwirkungen und die Behandlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Russlands Argumentation in der Nawalny-Affäre erinnert in vielem an die Nebelgranatenaktionen in der Ukraine-Krise. Wieder schwirren mehrere offizielle und halb offizielle Versionen des Geschehens durch den Äther. Wurde zunächst die Version einer Alkoholvergiftung gestreut, diagnostizierten die Ärzte später eine Stoffwechselstörung.

Kein Diabetiker

Das erklärt aber gar nichts, da die Ursache der Stoffwechselstörung im Dunkeln bleibt. Nawalny ist erst 44 Jahre alt. Er ist kein Diabetiker. Größere gesundheitliche Probleme sind aus der Vergangenheit nicht bekannt. Alkoholprobleme übrigens auch nicht. Und sie wären garantiert schon vorher dankbar von der Kreml-Propaganda aufgegriffen worden.

Zuletzt ließ Moskau öffentlich Ärzte über eine falsche Diät Nawalnys als mögliche Ursache für sein Koma spekulieren. Dagegen spricht allerdings die Behandlungsmethode der sibirischen Ärzte, die Nawalny das Leben gerettet haben. Sie verabreichten Atropin, was bei Vergiftungen zum Einsatz kommt.

"Nick" und "Mike"

Dass Kremlsprecher Dmitri Peskow daher eine Vergiftung kategorisch ausschließt beziehungsweise süffisant hinzufügt, zumindest auf russischem Boden sei Nawalny nicht vergiftet worden, um damit Laborberichte aus Deutschland zu diskreditieren, ist daher so verdächtig wie der Verzicht auf strafrechtliche Untersuchungen.

Und das vom belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko als Amtshilfe präsentierte angeblich abgefangene Telefonat zwischen "Nick" aus Berlin und "Mike" aus Warschau, das die Fälschung der Vergiftungsvorwürfe beweisen soll, ist selbst so eine schwache Fälschung, dass sie eher den Verdacht einer Beteiligung staatlicher Stellen erhärtet als entkräftet. Zumal Nawalny nicht der erste Oppositionelle ist, der vergiftet wurde. (André Ballin aus Moskau, 8.9.2020)