Bei diesem Panorama dachten schon die alten Römer: Hier fehlt eine Brücke. Mit dem EU-Recovery-Fund könnte die Brücke – oder Untertunnelung – der Meerenge von Messina endlich Wirklichkeit werden.

Foto: Getty Images

Nicht weniger als 209 Milliarden Euro soll Italien ab dem nächsten Jahr aus Brüssel erhalten, um die Folgen der Covid-19-Epidemie zu bewältigen und die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. 209 Milliarden: Das ist dermaßen viel Geld, dass die Regierung von Giuseppe Conte bis heute noch nicht so richtig weiß, wie sie das alles ausgeben will.

Dass nun das umstrittene Megaprojekt einer Brücke von Kalabrien nach Sizilien wieder auf die politische Agenda des Landes zurückgekehrt ist, vermag deshalb nicht zu erstaunen. Mit geschätzten Kosten von sieben bis acht Milliarden Euro würde die Brücke über die Meerenge von Messina nicht einmal vier Prozent der EU-Finanzhilfen beanspruchen.

Auch Tunnel denkbar

"Wir werden das Brückenprojekt zwischen Villa San Giovanni und Messina vorurteilsfrei prüfen", hatte Ministerpräsident Giuseppe Conte schon Anfang August erklärt und eine neue Machbarkeitsstudie angekündigt. Denkbar sei auch der Bau eines Tunnels, was laut einem Vorprojekt des Ministeriums für Infrastrukturen deutlich kostengünstiger wäre, ergänzte der Premier.

Am Montag dieser Woche hat nun auch die Regionenkonferenz die Verkehrsverbindung zwischen dem italienischen Festland und Sizilien in die Liste der außerordentlichen Infrastrukturprojekte aufgenommen: Die Brücke – oder der Tunnel – ist das noch fehlende Bindeglied des im Rahmen der EU-Hilfen bereits beschlossenen Ausbaus des Zug-Hochgeschwindigkeitsnetzes von Neapel bis nach Palermo und Catania auf Sizilien.

Vordenker: Berlusconi

Theoretisch könnte die Regierung Conte ein fixfertiges Projekt aus der Ära von Silvio Berlusconi aus der Schublade ziehen: Unter dem Ex-Premier, der gerne als Modernisierer Italiens in die Geschichte eingegangen wäre, war eine Hängebrücke der Superlative geplant worden. Der "Ponte sullo Stretto" sollte mit einer Länge von 3,3 Kilometern fast dreimal länger werden als die Golden Gate Bridge in San Francisco; die beiden Kandelaber in Kalabrien und Sizilien hätten mit einer Höhe von 382 Metern den Eiffelturm um 80 Meter überragt. Das Bauwerk mit insgesamt zehn Fahrspuren für Motorfahrzeuge und Eisenbahnzüge sollte laut den Ingenieuren Windgeschwindigkeiten von 216 km/h sowie einem Erdbeben von der Stärke 7,1 auf der Richterskala standhalten.

Derzeit können Kraftfahrzeuge die Meerenge von Messina bloß mit dem Schiff überqueren.
Foto: EPA

Zu teuer – damals zumindest

Der Brückentraum des Cavaliere zerplatzte mit seinem Sturz Ende 2011: Berlusconis Nachfolger, der frühere EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti, stoppte das Projekt mit seiner ersten Amtshandlung als Chef der neuen Sparregierung: Zu teuer sei die Brücke und außerdem auch gar nicht so vordringlich für die Entwicklung des armen und bezüglich Infrastrukturen rückständigen Südens.

Bis zu Montis Stopp von 2012 waren für Projekte und Studien bereits über 300 Millionen Euro ausgegeben worden, womit die Brücke zumindest einen Weltrekord aufgestellt hatte – nämlich jenen des teuersten Bauwerks, mit dessen Bau nie begonnen wurde. Weitere 300 Millionen Euro stellte Monti für Entschädigungen an das bereits bestehende Baukonsortium zur Verfügung.

Schon die alten Römer träumten

Das Brückenprojekt an der Meerenge von Messina beschäftigt die Fantasie von Politikern und Ingenieuren seit fast zwei Jahrtausenden: Der Römer Konsul Lucius Caecilius Metellus suchte nach seinem Sieg gegen die Karthager auf Sizilien im Jahr 250 n. Chr. nach einem Weg, die erbeuteten 140 Kampfelefanten nach Rom zu bringen – und dachte dabei an eine schwimmende Brücke aus Flößen und Fässern.

Der Bourbonenkönig Ferdinand II. von Neapel und Sizilien ließ 1840 eine Brücke über die Meerenge projektieren, ließ die Idee dann aber wegen der hohen Kosten wieder fallen. Ein zentrales Problem war und ist die hohe Erdbebengefahr: Direkt unter der Meerenge von Messina treffen die afrikanische und die eurasische Platte aufeinander – was die Ingenieure vor große Probleme stellt.

Erdbeben wird kommen

Laut Experten ist es bloß eine Frage der Zeit, bis wieder ein "Big One" die Region erschüttern wird – wie im Jahr 1908, als die Städte Messina und Reggio Calabria dem Erdboden gleichgemacht wurden und mehr als 100.000 Menschen starben.

Die Erdbebengefahr ist mit dem Recovery Fund der EU nicht vom Tisch – aber zumindest das Geld für eine – vielleicht – erdbebensichere Hängebrücke wäre nun im Überfluss vorhanden. (Dominik Straub, 8.9.2020)