17.000 Probanden haben den Impfstoff erhalten, bei einem kam es zu einer unerklärlichen Wirkung – Grund genug, um die Studie zu stoppen und den Zusammenhang abzuklären.

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Noch niemals hat die globale Weltgemeinschaft so dringend auf einen Impfstoff gewartet wie derzeit mitten in der Corona-Pandemie. Die Universität Oxford hat zusammen mit dem Pharmahersteller Astra Zeneca das erste Impfstoffprojekt vorangetrieben, das in die klinische Studienphase drei ging. Es ist jener Abschnitt des Prüfverfahrens, in dem der Impfstoff an einer sehr großen Gruppe von Menschen angewendet wird und damit die Wirksamkeit und Sicherheit gleichermaßen beweisen müssen. AZD1222 heißt der Impfstoffkandidat, der als erstes Vakzin in der klinischen Phase drei in England und Brasilien im Einsatz ist.

Bei Impfstoff ganz vorn

Astra Zeneca startet mit dieser klinischen Testphase bereits im Juni. Experten zufolge haben bereits 17.000 Menschen den Impfstoff erhalten. Doch nun ist im Zuge der Testung bei einem Probanden in Großbritannien eine Nebenwirkung aufgetreten, die sich die Forscher nicht erklären können. "Es ist eine innerhalb des Studienverfahrens etablierte Routine, solche Ereignisse genau zu untersuchen – im Sinne der Sicherheit ist die Studie einstweilen ausgesetzt", ließ Astra Zeneca verlautbaren. Eine unabhängige Expertenkommission ist ebenfalls eingeschaltet.

"Das entspricht exakt den Vorgaben, die in sämtlichen Phase-drei-Studien immer gelten", bestätigt Otfried Kistner, unabhängiger Impfstoffexperte In Wien. Sein Nachsatz: Noch nie zuvor stand allerdings diese Sicherheitsprüfung so sehr im Rampenlicht. In einer Phase-drei-Studie muss sich ein Impfstoffkandidat bewähren. Während die Probanden in den ersten beiden Phasen meistens junge und gesunde Menschen sind, die unter genau kontrollierten Bedingungen ein Medikament verabreicht bekommen, sei die Phase drei eine Art Kontrollfeld für das "wirkliche Leben", wie Kistner es nennt. Das heißt: Auch Menschen mit Vorerkrankungen, ältere Leute oder solche mit unentdeckten medizinischen Problemen bekommen einen Impfstoff. Der Anspruch: Egal, wer es erhält – das Vakzin muss wirksam und sicher gleichermaßen sein.

Der Trick mit den Viren

AZD122 zählt zu den genetischen Impfstoffen. Das Wirkprinzip ähnelt einem trojanischen Pferd. Die Entwickler haben in ein Adenovirus, das für den Menschen gänzlich ungefährlich ist, die Oberflächenproteine von Sars-CoV-2 implantiert. Das führt dazu, dass das Immunsystem von Geimpften Antikörper gegen Sars-CoV-2 bildet, ohne dass sie dafür erst krank werden müssen. Dieses rekombinante Verfahren, also die technische Plattform, auf der diese Impfstoffe produziert werden, ist im Gegensatz zu anderen Impfstoffentwicklungen, die derzeit gegen das Sars-CoV-2 laufen, nicht neu. Auf Basis dieser Adenoviren wurden bereits Impfungen gegen Ebola oder Sars entwickelt. "Es ist ein bewährtes Verfahren", attestiert Impfstoffexperte Kistner.

Kistner weiß auch, was nach der aufgetretenen Nebenwirkung nun passiert: Ein unabhängiges Komitee ermittelt, ob das medizinische Problem ursächlich mit der Impfung im Zusammenhang stehen kann, oder nicht. "Es könnte ja schlicht auch ein Zufall sein", sagt er, weil Probanden ja unabhängig von der Impfung ebenfalls Krankheiten erleiden können. Es geht also um einen beweisbaren Zusammenhang.

Bei der Impfstoffentwicklung gibt es ein genaues Procedere, das alle Hersteller einhalten. Nur so ist die Sicherheit garantiert.
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Die medizinische Vorgeschichte dieses Probanden muss also erhoben werden, das heißt, es findet gerade eine genaue Anamnese statt. Das braucht Zeit, und deshalb ist die Studie auch ausgesetzt. "Da geht man auf Nummer sicher, vor allem auch, um den Impfstoff eventuell verbessern zu können", sagt Kistner. Sollte die unabhängige Kommission zur Erkenntnis kommen, dass es einen logischen Zusammenhang zwischen diesem einen medizinischen Ereignis beim Probanden und der Impfung gibt, dann hätte das selbstverständlich Konsequenzen. Noch sei es zu früh, darüber zu spekulieren, welche, so Kistner, man müsse die Analyse erst einmal abwarten.

Sicherheit durch Transparenz

Bis dato hat das Unternehmen seine Zwischenergebnisse stets transparent veröffentlicht, etwa auch im Juli in der Fachzeitschrift "Lancet", in der die robuste Immunantwort bestätigt und keine Nebenwirkungen festgestellt werden konnten. Die Impfstoffentwicklung, die derzeit die gesamte Welt genau beobachtet, "verläuft sehr transparent", so Kistner, und genau das sei auch ein Zeichen dafür, dass niemand in der Branche vorhabe, Nebenwirkungen zu verschweigen.

Doch in der Corona-Pandemie laufen viele Prozesse der Impfstoffentwicklung parallel. So werden bereits Impfstoffe produziert, ohne dass die klinischen Studienphase drei abgeschlossen ist. Würde man das nicht parallel machen, könnte der Bedarf bei einem erfolgreichen Abschluss der Phase drei gar nicht gewährleistet werden. Auf dieses Risiko hat sich die globale Staatengemeinschaft auch eingelassen und im Vorfeld bereits Chargen des Impfstoffes von Astra Zeneca reserviert. So hat die Europäische Kommission für die Lieferung von bis zu 400 Millionen Dosen AZD1222 eine Vereinbarung getroffen. Ursprünglich hat Astra Zeneca angekündigt, den Impfstoff ab Anfang 2021 bereitstellen zu können. (Karin Pollack, 9.9.2020)