Die Fotos von Lehman-Bankern mit Umzugskartonen stehen bis heute für die Finanzkrise.

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Es gibt Daten, die sofort ein Bild hervorrufen. Der 9. November 1989, der Fall der Berliner Mauer, der 11. September 2001, der Terroranschlag auf das World Trade Center, und der 15. September 2008, der Tag, an dem die US-Investmentbank Lehman Brothers in die Insolvenz schlitterte. Die Bilder von den Lehman-Mitarbeitern, die Kartons mit Bürogegenständen aus der Zentrale damals heraustrugen, sind bis heute nicht vergessen. Der Lehman-Kollaps löste die größte Krise der Weltwirtschaft seit den 1930er-Jahren aus und wirkt bis heute nach.

Es dauerte Jahre, bis sich die Konjunktur in vielen Staaten von diesem Schock erholte. Doch aus heutiger Sicht hatte die Krise auch etwas Gutes: Die Lehren von damals helfen jetzt, mit der Coronavirus-Krise fertig zu werden.

Die Große Depression der 30er-Jahre führte in den USA auch zu einer Hungerkrise. Auch wenn die Finanzkrise weitaus weniger schlimm war – sie war die Größte seit der Großen Depression.
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Am Anfang war die Immobilien-Blase

Aber der Reihe nach: Die Weltfinanzkrise hatte ihren Ursprung in einem überhitzten US-Immobilienmarkt und exzessiver Spekulation an den Finanzmärkten. Banken hatten auf immer weiter steigende Immobilienpreise gesetzt und auch Haushalte mit Wohnkrediten versorgt, die kaum Einkommen hatten. Der Staat heizte mit geförderten Hypothekarbanken das Treiben massiv an. Man dachte, dass sich die Kredite über Hypotheken praktisch von selbst finanzieren würden. Kann ein Haushalt nicht zahlen, geht die Immobilie eben an die Bank.

Währenddessen verpackten die Geldhäuser ihre Forderungen in komplizierten Finanzprodukten und verkauften sie weiter. Laut Richard Grieveson, stellvertretender Leiter des Wiener Instituts für internationalen Wirtschaftsvergleich (WiiW), war dies die Hauptursache der Finanzkrise. Die komplex verschachtelten forderungsbasierten Titel – sogenannte CDOs – wurden von Ratingagenturen als sicher eingestuft, entpuppten sich letztlich aber als hochriskant. Als die Immobilienblase platzte, mussten Banken und Hedgefonds plötzlich Milliarden abschreiben. Viele davon gerieten in gefährliche Schieflage und mussten zusperren.

Erster Höhepunkt: Die Lehman-Pleite

Diese erste Phase der Krise kulminierte im Untergang von Lehman, der heute sinnbildlich für die Weltfinanzkrise steht. Nie hatte es einen größeren Konkurs in der US-Geschichte gegeben, in der Branche hatte man damit gerechnet, dass die Bank "too big to fail" sei. Der damalige US-Finanzminister Hank Paulson scheiterte beim Versuch, einen privaten Käufer für Lehman Brothers zu finden, und überließ die Bank ihrem Schicksal. Als kurze Zeit später auch der Versicherungsriese AIG zu kollabieren drohte, vollzog die US-Regierung jedoch eine Kehrtwende und schritt ein.

Mit der Lehman-Pleite kam der Interbankenmarkt vollständig zum Erliegen. Der Handel zwischen den Banken ist wichtig, um täglich Risiken in der Bilanz abzusichern, aber plötzlich legten Banken überall auf der Welt ihr Geld lieber bei der jeweiligen Zentralbank an, als es anderen Banken zu leihen. Die Verunsicherung im Finanzsektor war perfekt. Die Geldhäuser hatten Produkte in ihren Bilanzen, deren Risiko niemand genau einschätzen konnte. Auch deshalb mussten sich Ökonomen später vorwerfen lassen, dass sie die Krise nicht kommen sahen: Was auf den Finanzmärkten gehandelt wurde, war einfach zu unübersichtlich geworden.

Fed verhinderte Katastrophe

Den totalen Kollaps des Finanzsystems verhinderten letztendlich Washingtons Notenbanker. Die Federal Reserve weitete ab Ende 2008 die Geldmenge massiv aus und kaufte hypothekenbasierte Papiere aus dem Markt. Mit der Europäischen Zentralbank (EZB) vereinbarte sie ein Currency-Swap-Programm, um auch im Euroraum für genügend Dollar-Liquidität zu sorgen. Eine Krise in der amerikanischen Realwirtschaft konnte die Fed freilich nicht abwenden, ab 2010 wuchs die US-Wirtschaft aber wieder, nachdem sie 2009 um mehr als zwei Prozent eingebrochen war.

Heute Ex-Präsident, damals Neo-Präsident. Barack Obama trat Anfang 2009 sein Amt als US-Präsident an – inmitten der Finanzkrise.
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Barack Obama, der im Jänner 2009 George Bush als US-Präsident beerbte, schnürte gleich nach Amtseinführung ein fast 800 Milliarden Dollar schweres Hilfspaket, das schon im Februar abgesegnet wurde.

Zeitenwende bei der EZB

Auch das BIP der Eurozone schrumpfte 2009 am stärksten – und zwar um mehr als vier Prozent. Allerdings dauerte die Krise in Europa deutlich länger als in den USA, 2012 und 2013 schrumpfte die Wirtschaft erneut. In der EU war es nämlich zunächst nicht die EZB, die die Märkte mit viel Geld stabilisiert hat.

Eurostaaten wie etwa Irland nahmen viel Geld in die Hand, um systemrelevante Banken zu stützen. Mit den steigenden Staatsschulden stiegen auf den immer noch nervösen Kapitalmärkten auch die Risikoaufschläge auf Staatsanleihen – Spanien, Irland, Portugal und Griechenland konnten sich nicht mehr refinanzieren und schlüpften unter den eigens geschaffenen Euro-Rettungsschirm, Italien wankte zumindest, und Griechenland wäre beinahe aus dem Euro ausgeschieden.

Der Italiener Mario Draghi erfand das Mandat der EZB praktisch neu. Heute kämpft die Europäische Zentralbank ganz selbstverständlich mit Anleihenkäufen gegen die Wirtschaftskrise an. Bei Draghis Amtsantritt als EZB-Gouverneur 2011 war das noch längst keine Selbstverständlichkeit.
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Eine Zeitenwende leitete der italienische EZB-Gouverneur Mario Draghi am 26. Juli 2012 in London ein, als er den Märkten versprach, alles Mögliche zu tun, um die Eurozone zu retten. Die Märkte beruhigten sich, klangen Draghis Worte doch so, als ob die EZB im Ernstfall Staatsanleihen leidender Länder kaufen würde. Das ökonomische Vokabular wurde um den "Draghi-Effekt" reicher, und die EZB kaufte auf dem Sekundärmarkt ab 2015 tatsächlich Euro-Staatsanleihen in großem Stil. Begleitet von Hilfspaketen der EU-Mitgliedsländer und den neu eingerichteten Rettungsmechanismen der EU ebbte die Krise ab.

Die Finanzwelt war seitdem eine andere. Ohne Weltfinanzkrise hätte Europa heute womöglich keine Bankenunion. Aber auch die Geldpolitik hat aus der Krise gelernt. Anfang 2015 hielt die EZB Staatsanleihen im Wert von rund 115 Milliarden Euro, bis Mitte 2018 stieg der Bestand auf 2,5 Billionen Euro. Seit Ausbruch der Corona-Krise kauft die EZB wieder Euroanleihen in großem Stil. "Ohne die Erfahrungen aus der Finanzkrise, hätte die EZB in der Corona-Krise nicht so schnell reagiert", glaubt Grieveson: "Draghi hat erreicht, dass die EZB heute ganz andere Möglichkeiten hat."

Keine Angst vor Inflation

Mit der Finanzkrise hat die EZB gelernt, dass sie mit expansiver Geldpolitik Risikoaufschläge am Anleihenmarkt drücken kann, ohne dabei die Inflation in die Höhe zu treiben. Frankfurt hat damals auch wegen der Angst vor einer Inflation so lange mit dem sogenannten Quantitative Easing gezögert. Dass die EZB heute so rasch – ähnlich schnell wie die Fed – mit Anleihekäufen reagiert, zeige laut Grieveson, dass die Notenbank ihr Mandat neu interpretiert. Dass das Anleihenkaufprogramm die Inflation in die Höhe treiben würde, hat sich als eklatante Fehleinschätzung erwiesen. Die seit der Finanzkrise anhaltende Nullzinspolitik hat auch damit zu tun, dass die Teuerung in der Eurozone trotz Ausweitung der Geldmenge seit langem zu niedrig ist.

Experten sehen nach den Erfahrungen der Finanzkrise in Europa einen Konsens für gegenseitige finanzielle Unterstützung. Ein Hilfspaket, das hunderte Milliarden Euro in Form von Zuschüssen in die am stärksten von der Krise betroffenen Länder lenkt, wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen, erklärt Grieveson: In der Corona-Krise wurde es verabschiedet. Der ehemalige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker forderte schon 2011 Eurobonds, um die Spreads für Krisenländer zu drücken, und fand damit kein Gehör. Wegen Covid-19 darf die EU massiv Schulden aufnehmen. (Aloysius Widmann, 10.9.2020)