In diesem Jahr jähren sich die Anschläge vom 11. September 2001 zum 19. Mal.

Foto: AP / Richard Drew

Washington – Optimisten glauben ja, dass die Schlammschlacht, zu der der amerikanische Wahlkampf längst ausgeartet ist, heute für einen Tag Pause macht. Die USA stehen im Zeichen des Gedenkens an die Opfer der Nine-Eleven-Anschläge, und Donald Trump und Joe Biden werden den Jahrestag am gleichen Ort begehen. Beide reisen nach Shanksville. In die sanft gewellten Hügel im Südwesten Pennsylvanias, wo am 11. September 2001 eine entführte Maschine von United Airlines, Flug 93, am Boden zerschellte, nachdem mutige Passagiere versucht hatten, das Cockpit zu stürmen, um den Hijackern die Kontrolle über das Flugzeug zu entreißen. Der Präsident wird am Morgen, sein Widersacher am Nachmittag in Shanksville erwartet. Einmal mehr meiden die Kontrahenten also den direkten Kontakt, obwohl sie sich in diesem Wahlkampf, rein geografisch gesehen, noch nie so nah kamen wie jetzt. Egal, allein mit dem Datum verbindet sich die Hoffnung, dass wenigstens für ein paar Stunden Ruhe einzieht.

Ich war diese Woche in Pennsylvania. Wenn man sieht, wie sich die Dörfer in den Tälern südlich von Pittsburgh, in denen sich früher alles um Kohle und Stahl drehte, auf den Jahrestag vorbereiten, bekommt man noch immer eine Ahnung davon, wie tief sich 9/11 ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingegraben hat. Überall Fahnen. Sternenbanner, Flaggen der Armee, Flaggen, die Kriegsveteranen ehren, Veteranen, von denen bekanntlich etliche auf der Straße landeten, weil sie traumatische Erlebnisse nicht verarbeiten und keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen konnten. Was davon echter, trotziger Patriotismus ist und was eher hurrapatriotisch daherkommt, hat gründlichere Recherchen verdient. Jedenfalls war der Parkplatz eines Supermarkts in einem kleinen Nest namens Fairchance dermaßen opulent in den Farben Blau, Weiß und Rot geschmückt, dass man denken konnte, man befinde sich in einem Freiluft-Flaggenladen.

Lüge über jubelnde Muslime

Aber zurück zum 11. September. Biden fuhr an jenem Morgen im Zug von Wilmington nach Washington, vom Wohnort zum Arbeitsplatz, als ihn der Anruf seiner Frau erreichte. Die New Yorker Zwillingstürme, erzählte sie ihm, stünden in Flammen. In der Hauptstadt angekommen, erfuhr der damalige Senator, dass das Parlament bereits zwangsgeräumt war, da man mit Angriffen auch auf das Kapitol rechnete. Das Manuskript einer Rede, die er an dem Tag halten wollte, wurde damit zu Makulatur. Trump wiederum saß in einem nach ihm benannten Hochhaus an der Fifth Avenue in Manhattan und sah fern. Von einem seiner Fenster gehe der Blick direkt aufs World Trade Center, sagte er bald darauf einem Lokalsender: "Ich habe diese gewaltige Explosion gesehen, und jetzt sehe ich nichts mehr, absolut nichts mehr". Die Türme seien verschwunden, ein Wolkenkratzer an der Wall Street, der ihm gehöre, halte jetzt wieder den Höhenrekord in Downtown-Manhattan. Später tischte er das Märchen auf, wonach Muslime in den New Yorker Vororten in New Jersey in Jubel ausbrachen, als die beiden Türme nur noch Schutt und Asche waren. Im Wahlkampf 2016 hat er es häufig wiederholt – was die bange Frage aufwirft, ob er nicht auch den 19. Jahrestag der Attacken benutzt, um die Wahrheit zu verbiegen.

Trump verteidigte auch sein Herunterspielen der Corona-Pandemie – und zog dabei Parallelen zwischen sich und dem britischen Premierminister Winston Churchill. "Als Hitler London bombardierte, ging Churchill, ein großer Anführer, oft auf ein Dach in London und sprach", sagte Trump am Donnerstagabend bei einer Wahlkampfveranstaltung. "Und er sprach immer mit Gelassenheit. Er sagte, wir müssen Gelassenheit zeigen. Nein, wir haben es richtig gemacht, und wir haben eine Arbeit geleistet wie niemand sonst", sagte Trump bei der Veranstaltung in Freeland im US-Bundesstaat Michigan. Trump ist knapp zwei Monate vor der Wahl in den USA unter Druck geraten, weil er in Interviews des Investigativjournalisten Bob Woodward im März gesagt hatte, er habe die Gefahr durch das Virus bewusst heruntergespielt. Entsprechende Passagen und Tonbandaufnahmen waren am Mittwoch von US-Medien veröffentlicht worden.

Um mit einer optimistischen Note zu enden: Seit Donnerstag wird wieder Football gespielt, die National Football League ist trotz Corona in die neue Saison gestartet, wenn auch vor fast leeren Rängen. Und schon der Premierenabend machte klar, dass die Proteste gegen Polizeigewalt, ausgelöst nach dem Tod George Floyds, die NFL noch eine Weile beschäftigen werden. Die Houston Texans, zu Gast bei den Kansas City Chiefs, konnten sich nicht einigen, ob sie zur Nationalhymne stehen oder, nach dem Vorbild Colin Kaepernicks, knien sollten. Sie entschieden sich für eine scheinbar salomonische Lösung. Auf den Platz liefen sie erst, als die Klänge verklungen waren. (Frank Herrmann, APA, red 11.9.2020)