Wegen der Komplexität des Giftes geht man in Berlin davon aus, dass der Befehl für den Anschlag weit oben in Russland gegeben worden sein muss.

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Moskau/Berlin – Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny soll einem Magazinbericht zufolge mit einer neuartigen Variante des Nervenkampfstoffs Nowitschok vergiftet worden sein. Es solle sich um eine härtere Form als die bisher bekannten gehandelt haben, berichtete der "Spiegel". Das Magazin berief sich auf eine geheime Unterrichtung durch den Präsidenten des deutschen Bundesnachrichtendiensts, Bruno Kahl.

Weitere Angaben dazu machte der "Spiegel" nicht. Der BND wollte zu dem Bericht nicht Stellung nehmen. "Zu etwaigen Erkenntnissen äußert sich der Bundesnachrichtendienst ausschließlich gegenüber der Bundesregierung und den zuständigen geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages", hieß es lediglich.

Der "Spiegel" berichtete zudem, dass die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) bereits frühzeitig in die Analyse des Nervengifts einbezogen gewesen sein soll. Eine Delegation der OPCW soll am Wochenende zu Besuch in der Berliner Charité gewesen sein, wo Nawalny behandelt wird. Wegen der Komplexität des Giftes gehe man in der deutschen Regierung davon aus, dass der Befehl für den Anschlag in der Hierarchie des russischen Staatsapparates weit oben gegeben worden sein müsse.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bekanntgegeben, dass ein Speziallabor der Bundeswehr zweifelsfrei festgestellt habe, dass Nawalny mit einem chemischen Kampfstoff der Nowitschok-Gruppe vergiftet wurde. Russische Ärzte hatten dagegen erklärt, sie hätten keine Hinweise auf eine Vergiftung gefunden.

Deutsche Behörden wollen aktiv werden

Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft will im Fall des vergifteten Kreml-Kritikers nun selbst aktiv werden. Sie gab am Freitag bekannt, dies aber an die Zustimmung von Nawalnys Familie zu knüpfen.

In den vergangenen Tagen hatte es einen diplomatischen Schlagabtausch zwischen der deutschen und der russischen Regierung gegeben. Berlin forderte, Russland müsse den Mordanschlag aufklären, weil dieser dort geschehen sei. Die russische Regierung monierte dagegen, aus Deutschland nicht die dafür nötigen Informationen etwa über die Art der Vergiftung zu erhalten. Berlin hielt dem entgegen, dies sei nicht nötig für Ermittlungen, weil die Tat zwei Tage vor dem Abflug nach Deutschland geschehen sei.

Am Freitag kündigte die Regierung in Moskau an, die eigenen Untersuchungen fortzusetzen. Dazu werde Russland möglicherweise eine zusätzliche Bitte um Informationen an Deutschland richten, sagte ein Sprecher des Präsidialamts. Es seien aber unmittelbar keine Gespräche zwischen Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Merkel über den Fall geplant. Russland verbitte sich zudem Druck von außen. Die deutsche Regierung erklärte dazu lediglich, ihr liege in dem Fall kein weiteres Ersuchen aus Moskau vor.

Das erste russische Rechtshilfeersuchen hatte die deutsche Regierung an die Berliner Justiz weitergeleitet. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft twitterte nun, dass sie beauftragt worden sei, selbst Ermittlungen über den Gesundheitszustand Nawalnys durchzuführen – sofern dessen Familie dies erlaube. Die Zuständigkeit Berlins ergebe sich dadurch, dass er in einem Berliner Krankenhaus behandelt werde. In Regierungskreisen hatte es bisher geheißen, dass man keine Veranlassung sehe, Nawalny selbst zu befragen, da es um ein Verfahren in Russland gehe. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte Russland auf, sich stärker um eine Aufklärung des Anschlages zu kümmern.

Nawalny war am 20. August auf einem innerrussischen Flug kollabiert. Nach einer Notlandung wurde er zunächst in einer Klinik im sibirischen Omsk behandelt, bevor er am 22. August nach Deutschland ausgeflogen wurde. Mit einem Gift der Nowitschok-Gruppe, das in der Sowjetunion entwickelt wurde, war bereits der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal 2018 in Großbritannien vergiftet worden. (APA, Reuters, 11.9.2020)