Die Kluft zwischen Arm und Reich wuchs trotz neuer Wirtschaftspolitik.

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Keinem Regierungschef außer Shinzō Abe ist es jemals vom Start weg gelungen, eine Wirtschaftspolitik mit seinem Namen zu verbinden. Und als er im September 2013 neun Monate nach seinem Amtsantritt in einer Rede an der New Yorker Börse den großen Investoren "Kaufen Sie meine Abenomics!" zurief, da kannten seine Zuhörer schon ihre drei wichtigsten "Pfeiler". Eine ultralockere Geldpolitik gehört dazu, höhere Staatsausgaben plus eine "Wachstumsstrategie".

Sieben Jahre später fällt die Bilanz eher durchwachsen aus. Als größter Erfolg gilt der massenhafte Aufkauf von Staatsanleihen. Dadurch schwächte die Notenbank die japanische Währung, was wiederum die Exporte stützte und die Firmengewinne auf Rekordhöhen trieb. Zusammen mit einer Reform der Unternehmensführung wurden japanische Aktien attraktiv. Inzwischen ist rund die Hälfte der Staatsanleihen zur Notenbank gewandert. "Dieses Vorgehen hat Japan von den Risiken der hohen Staatsverschuldung befreit", erläutert der Ökonom Franz Waldenberger, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio.

Reiche reicher, Arme ärmer

Misst man Abenomics an ihren selbst gesetzten Zahlenzielen, zeigt der Daumen aber eher nach unten. Die Notenbank strebte eine Inflationsrate von zwei Prozent und die Regierung eine Wachstumsrate in gleicher Höhe an. Beide Vorgaben blieben unerreicht. Vier Millionen neue Jobs entstanden. Aber die meisten davon sind schlecht bezahlt. Trotz mehrerer Anhebungen des Mindestlohns wuchs die Kluft zwischen Reich und Arm.

Der dritte Pfeiler mit Liberalisierungen enttäuschte viele Beobachter. Zum Beispiel wollte Abenomics eine Gesellschaft fördern, in der "Frauen leuchten". Doch Abe beließ es bei einem Appell an die Unternehmen, die Frauenquote in Führungsjobs auf 30 Prozent zu verdreifachen. In seinem Kabinett waren nur drei von 20 Ministern weiblich. Erstmals begrenzte ein Gesetz die Zahl der Überstunden, um die Work-Life-Balance zu verbessern. Aber es bleiben regulär bis zu 60 Extrastunden im Monat erlaubt.

Versuch des Optimismus

Das Schlagwort Abenomics diente vor allem dem Marketing. Der Nationalist Abe wollte Optimismus verbreiten, dass Japan trotz rapide alternder und schrumpfender Bevölkerung eine Zukunft hat. Tatsächlich hat die Inselnation in der Abe-Zeit pro Kopf gerechnet beim Wachstum mit dem Westen Schritt gehalten, Japan gilt nicht mehr als Dauerpatient der Weltwirtschaft. "Doch die großen strukturellen Herausforderungen wurden nicht angegangen", sagt Frank Rövekamp, Direktor des Ostasieninstituts an der Universität Ludwigshafen, und zählt den demografischen Wandel, die unterfinanzierten Sozialsysteme und die Überkonzentration auf den Großraum Tokio auf.

Daher tritt Abes Nachfolger Yoshihide Suga ein schweres Erbe an. "Ich will die Abenomics fortsetzen und verbessern", kündigte er schon an und nannte als Beispiele die Fusion von Regionalbanken und die Digitalisierung der Bürokratie. Aber Suga müsse zunächst die Folgen der Corona-Krise abfedern, sagt der Japan-Experte Rövekamp. Daher seien radikale Richtungsänderungen kaum zu erwarten. (Martin Fritz aus Tokio, 14.9.2020)