Infektionsgeschehen als Welle beschreiben: Für die Influenza ist es möglich. Ob sich diese Metapher langfristig für das Coronaviurs eignet, ist unklar.

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Wien – Es gibt viele Lernkurven in der Corona-Pandemie. Eine davon: Simple Erklärungen sind schwierig. "Das Bild von der Welle ist der Versuch, ein komplexes Problem zu vereinfachen", sagt der Public-Health-Wissenschafter Florian Stigler. Denn eine Definition, was eine zweite Welle sei, gibt es nicht, weder vom deutschen Robert-Koch-Institut noch von der WHO. Die steigenden Fallzahlen allein wären es nicht. Was bei jeder Einschätzung der Situation mindestens ebenso zählt, sind die Krankheitsverläufe, die Situation in den Spitälern und die Kontrolle, die die Gesundheitsbehörden durch das Contact-Tracing über das Virusgeschehen haben.

"Wir sehen einen Anstieg, doch die Situation ist nicht mit März zu vergleichen", betont der Infektiologe Herwig Kollaritsch und interpretiert die derzeitige Situation als Warnung. Noch gäbe es keinen exponentiellen Anstieg, also keine Verdoppelung der Fälle, es gibt viele asymptomatische Verlaufsformen, und die Kapazitäten in den Spitälern sind ausreichend. "Das kann sich aber schnell ändern, wir brauchen mehr Disziplin", so Kollaritsch.

Definitionsdilemma

Der Public-Health-Experte Martin Sprenger spricht von einem Definitionsdilemma, denn noch sei nicht einmal klar, was eine Covid-19-Erkrankung genau ist. "Sämtliche Zahlen sind ohne exakte Definition sinnlos", sagt er und kann deshalb der Wellen-Metapher, die aus dem Influenza-Geschehen übernommen wurde, wenig abgewinnen. Für ihn zählt, wie viele der positiv Getesteten schwerkrank werden und ob die Versorgungsstrukturen reichen.

Eine Ausrottung des Coronavirus in den nächsten Jahren sei jedenfalls unmöglich. "Es geht darum, ob wir eine neue Welle, will man sie so bezeichnen, reiten können, oder ob wir überrollt werden", führt Stigler das Bild weiter. Noch, so hört man aus der Ages, funktioniert auch das Contact-Tracing, 64 Prozent aller Sars-CoV-2-positiv Getesteten könne man in Clustern nachverfolgen.

Worauf man sich einstellen kann, ist ein massiver Zuwachs an viralen Erkältungserkrankungen aller Art. In der Saison 2019/20 wurden in der Kalenderwoche 40 vom Diagnostischen Influenza-Netzwerk 50.000 Neuerkrankungen pro Woche verzeichnet – und zwar vor Corona. Insofern werden sich dieses Jahr Wellen vielleicht überlagern. Solange sichergestellt ist, dass die Gesundheitssysteme nicht zusammenbrechen, ist Sprenger zuversichtlich. (Karin Pollack, 15.9. 2020)