Suga nach der Wahl zum neuen LDP-Parteichef.

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Durchhaltevermögen hat er. Das hat Yoshihide Suga bereits in jungen Jahren bewiesen, lange bevor er in den vordersten Reihen der japanischen Spitzenpolitik angekommen war. Der designierte Premier absolvierte über lange Jahre Basistraining auf Lokalebene: Klinkenputzen in Yokohama. Um dort einen Sitz im Stadtrat zu ergattern – 1987, also vor über drei Jahrzehnten –, klingelte er an die Türen von 30.000 Haushalten. Und verbrauchte bei dieser Tour de Force angeblich sechs Paar Schuhe.

Durchhaltevermögen und Konsequenz aus dem Off: Das hat der 71-Jährige auch durch seinen sonstigen Werdegang bewiesen. Er sei selbst am meisten überrascht gewesen, dass er in späten Jahren noch Premierminister werde, so sagen Beobachter. Der ruhige Jurist mit dem mürrischen Blick hat sich eigentlich nie als Chef geriert. Viel eher etablierte er sich als treue rechte Hand des im August überraschend zurückgetretenen Premierministers Shinzō Abe und zog die Fäden im Hintergrund. Wenn Abe in Skandale verwickelt war, hielt Suga ihm den Rücken frei. Wenn Journalisten lästige Fragen stellten, ignorierte er sie stoisch für seinen Chef.

Sohn eines Erdbeerbauern

Dabei blickt Suga auf einen völlig anderen Werdegang zurück als sein langjähriger Förderer. Abe, der Politikersohn. Suga: Sohn eines Erdbeerbauern und einer Lehrerin aus dem Norden Honshūs, Japans größter Insel. Das Geld für ein Jus- und Politikstudium in Tokio sparte sich der Älteste von vier Geschwistern mühsam vom Lohn durch Nebenjobs ab. Geduldig und mit Nachdruck arbeitete er sich Schritt für Schritt an seine Ziele heran.

Auf den Sprung ins Stadtparlament folgte jener ins Nationalparlament 1996. Zehn Jahre später holte ihn Abe in sein Kabinett, erst als Innenminister, danach als Chefkabinettssekretär. Dass er es bis ganz oben in der so stark von Politdynastien geprägten Liberaldemokratischen Partei geschafft hat, gilt für einige als halbes Wunder.

Wenn nötig, tritt Suga aus seiner Rolle. Damals, beim Wahlkampf in Yokohama, investierte er nicht nur in sechs Paar Schuhe. Mit Megafon ausgestattet verteilte er auf Bahnhöfen lautstark Flyer – als einer der Ersten in Japan. Wenn es das Ziel erfordert, kann der Introvertierte aufdrehen. Einen Namen hat er sich bisher eher mit innenpolitischen Themen gemacht. Als Ministerpräsident wird er nun aufs internationale Parkett gesetzt. Die neue Rolle wird dem Mann mit schwarzem Gürtel in Karate neue Geschicke abfordern. (Anna Sawerthal, 14.9.2020)