Lesbos mehrere Tage nach der Zerstörung des Lagers Moria: Asylwerber campieren am Rand einer Straße.

Foto: Reuters / Alkis Konstantinidis

Berlin/Athen – Gerald Knaus führt in diesen Tagen viele Hintergrundgespräche. Vor wenigen Tagen ging das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos in Flammen auf. Seine rund 12.700 Bewohnerinnen und Bewohner vegetieren seither großteils obdachlos auf der Insel dahin. Nun bemüht sich der österreichische Integrationsexperte und Initiator des Flüchtlingsdeals zwischen der EU und der Türkei um Lösungsansätze in der völlig verfahrenen Situation auf der griechischen wie auf der türkischen Seite – nicht zuletzt um sich für die Wiederaufnahme der Gespräche zwischen Griechenland und der Türkei über den Flüchtlingsdeal einzusetzen.

Flüchtlinge aufs Festland

Die explosive Lage auf Lesbos und anderen Inseln, auf denen sich Lager befinden, müsse dringend entschärft werden, sagt Knaus im Gespräch mit dem STANDARD. Die angekündigte Übernahme mehrerer hundert unbegleiteter Jugendlicher und einzelner Familien durch andere EU-Staaten sei zwar humanitär wichtig, aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zudem seien diese Übersiedlungen großteils bereits vor Monaten vereinbart worden.

Vielmehr gelte es, so viele Flüchtlinge wie möglich aufs griechische Festland zu übersiedeln. Das jedoch sei von den griechischen Behörden, wenn überhaupt, nur dann zu erreichen, wenn eine spürbare Anzahl der auf dem Festland lebenden, in Griechenland bereits anerkannten Flüchtlinge von anderen EU-Staaten aufgenommen würde.

Konfliktvermeidung für Kurz

"Anerkannte Flüchtlinge erhalten in Griechenland de facto keine Unterstützung mehr. Das stürzt vor allem Familien mit Kindern in existenzielle Not", schildert Knaus. Wäre also etwa Österreich zu solchen Übernahmen bereit, würde es wirklich helfen – und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) wäre den Konflikt um die unbegleiteten Minderjährigen von den Inseln los, sagt der Integrationsexperte.

Seines Erachtens würde eine solche Relocation-Initiative zudem den überlasteten Griechen Unterstützung durch die europäischen Partner signalisieren. Auf dem Festland würden Unterbringungsmöglichkeiten frei, was mittelfristig auch den Zorn der griechischen Inselbewohner dämpfen könnte – wenn diese mitbekommen, dass es tatsächlich zu Übersiedlungen kommt.

"Mach es wie Moria"

Der Transfer von Migranten und Flüchtlingen aus Moria aufs Festland wird von der Regierung derzeit ausgeschlossen. Dies wäre kontraproduktiv, argumentiert man in Athen. Denn damit würde man Anreize setzen, dass auch in anderen Camps auf anderen Inseln Unruhen entstehen oder Unterkünfte angezündet werden könnten.

"'Mach es wie Moria' könnte dann das neue Motto in anderen Lagern werden", warnt Manos Logothetis vom Migrationsministerium. In Athen befürchtet man zudem, mit einem Transfer das falsche Signal zu senden, sodass in der Folge der Zustrom von Flüchtlingen und Migranten Richtung Griechenland wieder zunehmen würde und die Inseln wieder überlastet würden.

Rein symbolische Geste

Die Aufnahme der 406 Jugendlichen durch ein paar EU-Staaten wird in Griechenland als rein symbolische Geste gesehen. Wie Knaus fordert auch die griechische Regierung seit Jahren, dass andere EU-Staaten tausende anerkannte Flüchtlinge aufnehmen. Kein EU-Staat hat sich bislang dazu bereiterklärt.

Die griechischen Behörden kündigten indes an, alle obdachlosen Migranten und Flüchtlinge auf Lesbos in den kommenden Tagen in Zelten unterzubringen. Zurzeit entsteht so eine neue Zeltstadt unweit des Vorzeigelagers Kara Tepe. Etwa 1.000 obdachlos gewordene Menschen wurden bereits am Sonntag dort untergebracht. Sie wurden alle auf Covid-19 getestet, die Infizierten wurden in eine Quarantänestation gebracht. Dutzende Neuinfizierte wurden entdeckt.

Proteste halten an

Die Behörden müssen nicht nur die Pandemie eindämmen, sondern auch die Leute neu registrieren und identifizieren, weil die Daten und Archive in Flammen aufgegangen sind. Zudem gibt es Widerstand von Migranten, die nicht in das neue Lager wollen, weil sie aufs Festland gelangen möchten. Premier Kyriakos Mitsotakis versprach nun den Bau eines neuen geschlossenen Migrationszentrums auf Lesbos. (Irene Brickner, Adelheid Wölfl, 15.9.2020)