Fritz Floimayr lässt an der Fleischindustrie kein gutes Haar. Seine Branchenkollegen suggerieren Liebe zur Regionalität, klagt der Feinkosthersteller aus Grieskirchen. Tatsächlich importierten sie jährlich Tonnen an lebenden Schweinen und Fleisch, verfütterten Gentech-Soja aus dem Regenwald, exportierten die bessere Ware zu guten Preisen ins Ausland, während "minderwertiger Ramsch" bis zur Unkenntlichkeit verarbeitet in österreichischen Regalen lande. Ein Kilo Extrawurst koste oft gerade einmal zwei Euro. "Der Materialeinsatz liegt bei 50 bis 60 Cent. Wie kann es sich dabei noch um Fleisch handeln?"

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Floimayr erzählt von Betrieben, die für Importe eigene Lkws ins Ausland schicken, um nicht offensichtlich zu machen, dass sie bei in die Kritik geratenen Lieferanten wie Tönnies einkaufen. Und von Händlern wie Verarbeitern, die mit rot-weiß-roter Fahne und mehr Tierwohl werben, bei denen damit verbundene Standards in Summe aber nur einen kleinen Bruchteil des Sortiments ausmachen.

"Die Branche lebt von günstigem Fleisch auf Kosten des Tierwohls", ist Floimayr überzeugt. Der Unternehmer, der unter der Marke Gourmetfein mit 200 Mitarbeitern 37 Millionen Euro umsetzt, fordert gegen den Willen der Industrie eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Rohstoffe. Und er kooperiert dafür künftig mit Sebastian Bohrn Mena, dem Initiator des Tierschutzvolksbegehrens. Es ist ein Tabubruch. Bislang behandelten sich Fleischer und Tierschützer in Österreich als natürliche Feinde.

Die Regierung will mehr Einblick in die Herkunft der Lebensmittel, die Details ihrer Kennzeichnung werden zu einem Spiel der Kräfte.
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"Nur wenige Cent teurer"

Floimayr zeichnet auf allen Verpackungen für Gastronomie oder Tankstellen aus, welcher Landwirt das Fleisch für die Produkte liefert. Die Vertragsbauern garantieren ihm höhere Standards rund um Fütterung, Tierhaltung, Einsatz von Antibiotika und Pestiziden. Den Mehrpreis, den Konsumenten letztlich für die durchgängige Kennzeichnung zahlen, beziffert er mit wenigen Cent. Um einen halben Cent verteuere sich das Leberkässemmerl, um 20 Cent das Schnitzel beim Wirt.

Floimayr erklärte eidesstattlich, dass kein Kilo Fleisch außerhalb seiner eigenen Wertschöpfungskette kommt, und er fordert diese Transparenz auch von der gesamten Industrie und Gastronomie ein. "Schreibt zumindest auf eure Verpackung und Speisekarte, dass die Herkunft unbekannt ist."

Sollen beim Herkunftsnachweis bei Fleisch auch Landwirte Einblick in ihren Rohstoffeinkauf geben?
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Es gehe hier um keine tierlieben Spinner, die Leute wollten wissen, was in den Lebensmitteln stecke, bekräftigt Bohrn Mena. Er erinnert an die Schweizer, die den Herkunftsnachweis von Primärzutaten vorleben, ohne dass ihre Wirte dadurch in den Ruin getrieben worden wären. Und er hält nichts davon, auf einheitliche Vorgaben der EU zu warten. Denn dies werde es aufgrund der starken Industrielobby so bald nicht spielen.

Angst vor Alleingang

Österreichs Regierung will Regionalität. Das wichtigste Instrument für mehr Wertschöpfung im eigenen Land ist die verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Fleisch, Milch und Eier in verarbeiteten Lebensmitteln. 2021 soll sie im Handel und bei Gemeinschaftsverpflegern zur Regel werden. Doch es spießt sich an unzähligen Details.

Die Industrie warnt vor Schlechterstellung im globalen Wettbewerb, ausufernder Bürokratie und explodierenden Kosten durch den nationalen Alleingang. Lebensmittelhändler, selbst große Produzenten von Fleisch und Backwaren, befürchten, dass der Schuss nach hinten losgeht: "Was, wenn viele Hersteller künftig nur noch ‚EU-Herkunft‘ auf die Verpackung drucken, um sich rechtlich abzusichern?", gibt Andreas Steidl, Geschäftsführer der Rewe-Marke Ja! Natürlich, zu bedenken.

Politisch nicht gegessen

Gegessen ist das von Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) vorangetriebene heikle Thema auch politisch nicht. Der grüne Gesundheitsminister Rudolf Anschober steht auf der Bremse und plädiert für Transparenz in Etappen, ist hinter den Kulissen zu hören. Denn gehe bei den Kontrollen etwas schief, müsse er den Kopf hinhalten.

"Wer soll das alles im Lebensmittelhandel prüfen?", fragt sich Michael Blass, Chef der Agrarmarkt Austria. "Regeln zu schaffen, die in der Praxis schwer kontrollierbar sind, laden dazu ein, sie zu brechen." Einfache Lösungen seien nicht immer die besten, die Materie sei hoch komplex, es sei notwendig, Augenmerk auf die Details zu legen. Blass plädiert vor allem für freiwillige Systeme. Mit der Schweiz vergleichen lässt sich Österreich aus seiner Sicht nicht. Das Einkommensniveau sei ein anderes, auch die Preise seien anders strukturiert.

Was gilt bei Milchprodukten im Kühlregal als Primärzutat? Was, wenn die Erdbeeren fürs Joghurt im Winter nicht in Österreich wachsen?
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Grenzen auszureizen hat quer durch die Branchen Tradition. Industrielle bewerben Produkte etwa mit "Typisch österreichisch". Dass elementare Rohstoffe dafür aus dem Ausland kommen, bleibt im Dunkeln. Auch viele Siegel, die den Eindruck erwecken, in Lebensmitteln stecke ausschließlich Österreich, halten ihr Versprechen nicht (siehe unten). Seit April muss die Primärzutat verarbeiteter Produkte ausgewiesen werden, sofern diese nach Außen hin den Anschein regionaler Herkunft erwecken. So will es eine neue Vorgabe der EU. Doch Lücken gibt es auch hier, bei Getreide für Mehl etwa, das importiert werden darf.

Ist durchgängige Kennzeichnung im großen Stil überhaupt möglich? "Machbar ist alles, die Frage ist, zu welchem Preis", sagt Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Verbands der Lebensmittelindustrie. Der Markt sei extrem sensibel und lasse keine Erhöhung zu. "Unsere Kosten würden nicht abgedeckt. Es braucht hier einen realistischen Blick." Koßdorff betont, dass Österreich nur bei Zucker, Trinkmilch und Rindfleisch nicht auf Importe angewiesen ist. "Österreich hat sich noch nie 365 Tage im Jahr selbst versorgt und wird es auch nie tun."

"Keine Kennzeichnung zum Nulltarif"

Landwirte sehen das anders. "Klar sind wir bei Eiern derzeit nur zu 90 Prozent Selbstversorger. Aber bestellt halt mehr bei uns – dann liefern wir auch", meint Benjamin Guggenberger, Chef der Erzeugergemeinschaft Frischei. Er erzählt, dass es einst als unmöglich galt, jedes Ei auf seine Herkunft hin abzustempeln. Das Gleiche galt für Frischfleisch. Heute krähe kein Hahn mehr nach den alten Standards.

Auch Flüssigei lässt sich tonnenweise aus Österreich beziehen, sofern Kunden höhere Preise dafür in Kauf nehmen. Happig wird es bei Eipulver. Hauptlieferant ist Argentinien.

Stecken im Kaiserschmarrn vom Wirten Eier aus Österreich?
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Der Ruf nach strengerer Herkunftskennzeichnung dient freilich nicht allein dem Wohl der Konsumenten. Wächst der Bedarf an österreichischen Rohstoffen, steigen die Preise dafür, sofern sich im Ausland nicht höhere Erträge erzielen lassen. "Dieses Eigeninteresse der Landwirte ist legitim, gehört jedoch klipp und klar ausgesprochen", sagt Michael Bruckner, der Österreichs Großbäcker mit Rohstoffen versorgt. "Es gibt keine Kennzeichnung zum Nulltarif."

Bio als Vorbild?

Vorbild könnte die Biobranche sein, die die Wertschöpfungskette durchgängig transparent abbildet. An offenen Fragen fehlt es dennoch nicht. Was etwa ist mit Futtermitteln, die Produzenten großflächig aus Südamerika importieren? Gehören sie deklariert? Was zählt eigentlich als Primärzutat? Was passiert mit Fruchtjoghurt, für das im Winter keine Erdbeeren in Österreich wachsen? Wer behält den Überblick über Zutaten einer Pizza? Wo lassen sich ohne extremen Aufwand große Mengen bewegen? Wo braucht es angesichts wuchernder Bürokratie spezielle Lösungen?

Kampf der Kulturen

Was vielen in der Debatte bitter aufstößt, ist aufkeimender Konsumchauvinismus. Von einem Kulturkampf auf Lebensmittelebene ist hinter vorgehaltener Hand die Rede, der sich zum Bumerang entwickeln könnte, zieht Österreich als Exportland Mauern auf. Der Fokus auf die Herkunft blende zudem aus, dass Österreich als Lebensmittelproduzent keineswegs ein Musterschüler sei. Denn nicht alles aus regionaler Herkunft kann sich, was Arbeitsbedingungen, Tierwohl und Pestizideinsatz betrifft, auch wirklich sehen lassen.

Für Fleischer Floimayr löst Kennzeichnung nicht alle Probleme. Aber sie sei ein Schritt hin zu mehr Ehrlichkeit. "Lasst doch Konsumenten entscheiden, woher sie ihre Lebensmittel beziehen wollen." (Verena Kainrath, 16.9.2020)