Wenn man angegriffen wird, soll man nicht zurückweichen, sondern mit hundertfacher Kraft zurückschlagen. Das hat Donald Trump schon mehrfach vorgeschlagen, das hat er so nun auch wieder rhetorisch versucht. In einer Bürgersprechstunde auf ABC ist der US-Präsident gefragt worden, wieso er die Gefahr durch das Coronavirus monatelang heruntergespielt habe, obwohl er erwiesenermaßen schon im Februar über dessen tödliche Wirkung Bescheid wusste. Er versuchte den Spieß umzudrehen: "Wenn überhaupt, dann habe ich übertrieben, zumindest dann, wenn es um mein Handeln geht", sagte der Präsident.

Donald Trump beim TV-Wahlkampf.
Foto: AP / Evan Vucci

Zur Erinnerung: Neue Details aus dem Buch "Rage" von Bob Woodward haben zuletzt eine langsame Reaktion belegt. Aus Tonmitschnitten Woodwards war hervorgegangen, dass Trump intern bereits im Februar von Covid-19 als schlimmer Krankheit gesprochen, öffentlich die Gefahr aber als gering dargestellt hatte. Nun zeigt ein neuer Mitschnitt, dass der Präsident Sars-CoV-2 im April nichtöffentlich sogar mit der Pest verglichen hatte. "Es ist ein Killer, wenn es dich erwischt", soll er gesagt haben, während er auf Twitter das baldige Ende der Pandemie herbeifantasierte.

"Herdenmentalität" schützt, Impfung aber bald da

Lange hielt sich der Präsident aber auch Dienstagnacht nicht mit dem Übertreiben der Virusgefahr auf. Covid-19 werde auch ohne Impfung wieder verschwinden, sagte er. Grund sei die "Herdenmentalität". Gemeint war mit dem Begriff, den der Präsident mehrfach wiederholte, offenbar die Herdenimmunität. Forscherinnen und Forscher sind sich unsicher, ob diese im Fall von Covid-19 tatsächlich auf natürlichem Wege entstehen kann. Deshalb wird auch mit allen Mitteln an der Impfung gearbeitet. Der US-Präsident stellte in Aussicht, dass eine solche "in drei oder vier Wochen" verfügbar sein werde.

Trump kritisierte bei gleicher Gelegenheit auch Joe Biden. Dieser habe vorgeschlagen, eine landesweite Verpflichtung zum Tragen von Masken einzuführen, eine solche Pflicht aber nie durchgesetzt. Er ließ offen, wie Biden das hätte tun sollen. Dieser ist bekanntlich weder Präsident, noch hat er ein anderes öffentliches Amt inne.

Insgesamt war es kein TV-Auftritt zu Trumps Vorteil. Bei Fox News, dem Lieblingssender des Präsidenten, beschuldigte man anschließend das Publikum, das aus unentschlossenen Wählerinnen und Wählern zusammengesetzt war. Dieses habe dem Präsidenten "aufgelauert".

Nach seinen Angriffen auf die Klimawissenschaft am Dienstag ist der US-Staatschef ohnehin unter Druck. Zwar sind erzkonservative Medienfiguren wie Radiomoderator Rush Limbaugh und Fox-News-Star Tucker Carlson begeistert. Viele weitere US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner sind aber, angesichts der anhaltenden Feuerkatastrophe, nicht besonders angetan.

Laut Umfragen wollen fast 70 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, dass die Regierung mehr gegen den Klimawandel tut. Und sie meinen damit nicht das Rechen von Waldböden, das Trump als Methode vorschwebt, sondern Maßnahmen gegen den CO2-Ausstoß. Kein Wunder, dass Biden Trump am Dienstag einen "Klima-Brandstifter" nannte.

Biden fischt auf Spanisch

Umfragen sehen für den Präsidenten nicht erfreulich aus. Zwar ist der Abstand zwischen den beiden Kandidaten auf der Umfrage- und Analyseseite fivethirtyeight.com zuletzt auf nur noch sieben Prozentpunkte gesunken. Er liegt nun bei 50,4 zu 43,4 Prozent. Die Erhebungen aus den wichtigen Bundesstaaten bleiben für Trump aber düster. Im Mittleren Westen führt Biden mit großteils deutlichen Abständen, im bisher meist republikanischen Staat Arizona liegt Trump ebenfalls zurück.

Und auch in Florida hat das renommierte Monmouth College zuletzt Abstände im Ausmaß von drei bis fünf Prozentpunkten pro Biden erhoben. Dort allerdings hat der Demokrat, was zunächst verblüffen mag, deutliche Probleme mit Latinos und Latinas, die dort politisch oft konservativ denken. Biden hat deshalb am Dienstag mehrere Auftritten in Florida absolviert und dabei auch spanischsprachige Wählergruppen angesprochen.

Zu allem Überfluss bleibt Trump auch international unbeliebt. Ganz besonders übel kommt unter den internationalen Befragten des Pew-Instituts die Corona-Politik der US-Regierung weg. Aber auch der Präsident selbst schneidet schlecht ab, mehr Vertrauen als Trump genießen weltweit unter anderen Angela Merkel, Emmanuel Macron, Xi Jinping, Wladimir Putin und Boris Johnson.

Betteln um Geld, Vorgehen gegen Bücher

Angesichts solcher Zahlen überrascht es nicht, dass man in der Wahlkampfzentrale des Präsidenten langsam nervös wird. Dazu kommt, dass auch noch das Geld knapp wird. Nur 210 Millionen Dollar an Spenden hat der Präsident im August eingenommen, nun kann er auch deutlich weniger als Biden für TV-Werbespots ausgeben. Nicht hilfreich für die Finanzen war auch, dass Trump offenbar Ausgaben für seine persönliche Rechtsberatung über die Kampagne abgedeckt hat.

Dazu könnten nun noch weitere Aufwendungen kommen. Denn der Präsident hat angekündigt, nun doch juristisch gegen das Buch seines ehemaligen Sicherheitsberaters John Bolton vorgehen zu wollen. Dieser zeichnet darin ein sehr unschmeichelhaftes Bild des Präsidenten und behauptet unter anderem, Trump habe China um Wahlhilfe gebeten.

Allerdings bleibt die Frage, ob die Wahl im November denn fair ablaufen wird. Schon bisher hatte es Sorge unter Trumps Gegnern gegeben, die staatliche US-Post könnte die Briefwahl sabotieren. Deren von Trump eingesetzter Chef Louis DeJoy weist das zurück. Nun gibt es aber neue Probleme. Die Post hat nämlich eine Info-Postkarte verschickt, deren Hinweise zur Briefwahl in einigen Staaten nicht zutreffen. Ein Gericht in Colorado hat nun die weitere Versendung blockiert.

Historisches im Weißen Haus

Umso mehr überrascht es da, dass Trump zum Ende seiner ersten Amtszeit einen echten diplomatischen Erfolg präsentieren kann: die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel einerseits und den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain andererseits. Und weil der US-Präsident nicht nur im Wahlkampf einer gut verkaufbaren Show nicht abgeneigt ist, hat er Israels Premier Benjamin Netanjahu und die Außenminister Abdullah bin Zayed (VAE) und Abdullatif bin Rashid al-Sajani (Bahrain) am Dienstagabend ins Weiße Haus zur Unterzeichnung von Verträgen eingeladen.

Trump selbst sagte bei einer Rede auf dem Balkon des Weißen Hauses, auch der größte Optimist habe wohl nicht mit so einem Deal gerechnet. Die Vereinbarung werde "den Weg der Geschichtsschreibung verändern". Netanjahu gab sich kaum zurückhaltender, sprach von Hoffnung "für alle Völker Abrahams" und von einem "dauerhaften Frieden", der nun anbrechen werde. Die beiden Außenminister von der Arabischen Halbinsel lobten die Vereinbarung ebenso. Sie betonten aber auch, dass ihre Unterstützung für die Sache der Palästinenser weitergehen werde. Trump selbst hatte dazu kurz vorher in einem Interview mit Fox News (in dem er auch auf Österreichs Flora zu sprechen kam) anderes gesagt. Die Palästinenser würden in Zukunft schon merken, dass auch sie eine Vereinbarung unterschreiben müssten, oder "draußen in der Kälte bleiben". Noch ungelöst bleiben freilich die Fragen rund den angedachten Kauf von F-35 Jets durch die Emirate. Trump hatte diesen offenbar versprochen und nannte ihn am Dienstag "vorstellbar". Israel lehnt das aber ab.

Trump bei seiner Rede auf dem Balkon des Weißen Hauses. Die Gäste aus Nahost auf dem Balkon daneben.
Foto: EPA / Jim Lo Scalzo

Der US-Präsident erwartet sich dennoch bald weitere Vereinbarungen Israels mit mehreren anderen arabischen Staaten. Fünf bis sechs sollen angeblich Interesse haben. Und auch der Iran werde, so meint zumindest Trump, "innerhalb eines Monats angelaufen kommen" und ihn ebenfalls um einen Deal bitten. Realistisch scheint das nicht. Denn erstens haben Washingtons und Teheran erst am Dienstag neue Kriegsdrohungen ausgestoßen. Und zweitens sehen sowohl Israel als auch die Emirate, Bahrain und deren Verbündete den Friedensdeal ja primär als eine Allianz gegen den Iran. (Manuel Escher, 16.9.2020)