Wo sind eigentlich die Christdemokraten hingekommen? Jahrzehntelang waren in Europa die christlich-demokratischen und die sozialdemokratischen Parteien die Säulen des demokratischen Geschehens. Sie wechselten einander in den jeweiligen Regierungen ab, sie bekämpften einander und wussten doch, dass sie den jeweils anderen nicht eliminieren konnten. Aber heute? Beim Betrachten der politischen Landkarte zeigt sich, dass allein die CDU in Deutschland noch so etwas wie den Geist der Gründerväter zu verkörpern scheint.

Aber in Italien ist die einst tonangebende Democrazia Cristiana völlig von der Bildfläche verschwunden. Ihre einstigen Anhänger finden sich sowohl bei den Populisten um Silvio Berlusconi, bei den Rechtsradikalen um Matteo Salvini, bei den Wutbürgern der Fünf Sterne und bei den Linksliberalen des Partito Democratico. "Diaspora democristiana", sagen die Italiener.

In Österreich hat sich die traditionsreiche "schwarze" Volkspartei zur türkisen "neuen Volkspartei" gewandelt, in der christliche Werte kaum mehr zu finden sind. Aus dem kirchlichen Schwarz ist, wohl nicht ohne symbolische Absicht, ein ins Bläuliche schimmerndes Türkis geworden.

Österreich könnte helfen, nicht allen Lesbos-Insassen, aber einigen.
Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

Auch im übrigen Europa sind die diversen bürgerlich-konservativen Parteien, immer noch vereint in der Europäischen Volkspartei, im Laufe der Jahre entweder zu reinen Wirtschaftsparteien oder zu reaktionären Rechtsparteien mutiert.

Dilemma

Das zeigt sich besonders deutlich in Osteuropa, wo nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft zunächst überall wieder traditionelle christlich-demokratische Parteien entstanden. Sie überlebten nicht lange. Ungarns Fidesz ist heute klassisch rechts, Polens PiS katholisch-ultranational, Tschechiens Ano rein wirtschaftsliberal.

Ein Dilemma für Konservative alter Schule. Als das Flüchtlingslager Moria brannte, verlangte praktisch die ganze Zivilgesellschaft in Europa, allen voran die Kirchen und die Hilfsorganisationen, unisono: Nehmt die Leute bei uns auf, vor allem die Kinder. Viele Regierungen sagten Ja. Die österreichische, angeführt von der ÖVP, sagt nach wie vor eiskalt Nein. Zelte und Container ja, aber Flüchtlinge hereinlassen kommt nicht infrage. Das wäre nur "Symbolpolitik" und käme nur wenigen zugute.

Man kann nicht allen Armen auf der Welt helfen, sagte einst der legendäre österreichische Caritas-Präsident Prälat Leopold Ungar, aber es ist eine Sünde, es dort, wo man kann, nicht wenigstens zu versuchen. Österreich könnte helfen, nicht allen Lesbos-Insassen, aber einigen. Aber wir versuchen es nicht einmal. Jetzt fragen sich diejenigen ÖVP-Wähler, die sich als christlich geprägt verstehen, ob sie in der neuen Türkis-Partei noch "ihre" Partei erkennen. Und siehe da, es sind gar nicht so wenige. Es gibt sie offensichtlich noch, die Christdemokraten, wenn auch in der politischen Diaspora.

Eine Minderheit? Vielleicht. Aber eine gewichtige. Gernot Blümel, der bei der Wiener Wahl in Migrationsfragen eine harte Linie vertritt, wird mit dieser sicher einige FPÖ-Stimmen gewinnen können. Ob die es wert sind, um ihretwillen auf den christdemokratischen Kern der Volkspartei zu verzichten, ist freilich eine andere Frage. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 17.9.2020)