Zehntausend Trachtler, Schützen und Musikanten aus Bayern, aber auch Sudetendeutsche und Donauschwaben zeigen den Glanz ihrer Volkskultur.

Foto: AP / Matthias Schrader

Am 19. September hätte es geheißen: Ozapft is! Aber nicht nur das Oktoberfest wurde abgesagt, sondern auch ein Theaterstück der Österreicherin, das am Münchner Volkstheater inszeniert worden wäre. Lesen Sie hier Tag 1 von Sargnagels Text "Am Wiesnrand".

Tag 2: Die bayerische Sonne lacht, und mein Fünf-Sterne-Koch brät mir Eier. Heute ist der große Trachten- und Schützenzug. Zehntausend Trachtler, Schützen und Musikanten aus Bayern, aber auch Sudetendeutsche und Donauschwaben zeigen den Glanz ihrer Volkskultur. Dafür bin ich extra früh aufgestanden. Das will ich nicht verpassen.

Die Münchner frühstücken auf Biertischen, und ich stehe mit jeweils einer Weißwurst in der linken und in der rechten Faust in der ersten Reihe auf der Bayerstraße. 77 Kapellen, Prachtgespanne, Festkutschen stolzieren zu Marschmusik durch die Stadt. Die deutsche Herrlichkeit als stundenlange Darbietung.

Die Männer sind geschmückt mit Federn, Buschen und Fuchsschwänzen, die Stand und Stellung verraten. "So bunt ist Deutschland", denke ich mir. Angeführt wird die Parade von der Reiterstaffel der Polizei. Die Beamten winken ins Publikum, und dieses rastet aus. Sie werfen Luftküsse, Blumen, sie weinen, sie lachen, weil sie die Polizei so lieben. Im großen Jubel formen sich erste Choräle: "Po-li-zei, Po-li-zei, Po-li-zei!"

Münchner Polizisten auf Motorrädern drehen Runden, eine große Gruppe 18-jähriger Polizisten tänzelt, lässt die Knüppel kreisen und treibt Gefangene in Handschellen vor sich her.

Brauchtum, Tracht, Volksmusik

Hernach trottet der Spielmannszug mit dem großen Schellenbaum. Mittelalterliche Moriskentänzer schlagen Räder und zeigen ihr akrobatisches Talent. Sogar schwarze Kinder sind unter den Tänzern, sie wurden als Mohren mit Schuhpaste angemalt und machen bizarre Verrenkungen und rollen irre mit aufgerissenen Augen. Die Erwachsenen lachen. Die Kinder weinen erschrocken.

Brauchtum, Tracht, Volksmusik und Denkmalpflege sind hier oberstes Gebot. Auf einem belgischen Kaltblüter sitzt eine blonde Frau mit blauen Augen. Es ist das Münchner Kindl. Attraktive Frauen unter 30 repräsentieren traditionell den Mönch im Münchner Stadtwappen. Sie müssen sich dafür durch gutes Benehmen hervortun und reines Münchner Blut haben. Sowohl beide Elternteile als auch die jeweiligen Großeltern müssen ausnahmslos in München geboren sein, die deutsche Reinrassigkeit muss über drei Generationen nachweisbar sein.

Das Kindl verzaubert die Menge mit seinem freundlichen Lächeln, und hinter ihm werden prächtige Fanfaren geblasen. Ich find's pfundig! Kein Wunder, dass die Flüchtlinge uns das alles wegnehmen wollen.

Die Tänzelfest Landsknechttrommler aus Kaufbeuren marschieren ein. Die Dachauer Knabenkapelle spielt ihren Marsch "Hinaus aus dem Land". Die reichsten Dachauer Bauern tragen schwere Silbertaler an ihren Knöpfen und werden von ihren mageren Knechten auf den Schultern getragen. Die Frauen haben Schleifenhauben, die Männer schöne Faltenstiefel und ihren "Hoamtreiber"-Stock, mit dem man unliebsame Gäste nach Hause treibt.

Tücher aus gewebten Ziegenpubes

Die Harmonie Neubiberg zeigt ihre grauen Joppen, den krummen Scheidling und ihre schönen Köpfe, auf denen Gebirgsadlerflaum wächst. Die Bauzner kommen mit ihren Otterfellkappen, die brösligen Jungfrauen tragen den Stopselhut und die braunen Zitterfingl. Die Hummelbauern präsentieren stolz ihre Brixlkappen, und verheiratete Frauen tragen handgewobene Maulkörbe.

Besonders beeindruckend: die Tücher aus gewebten Ziegenpubes auf den Schultern der wabischen Brunzweiber. Die Männer sind behangen mit Quasten aus Hirschkalbzähnen. Die größten Gamsbärte der Parade führen die Gebirgsgurgler am Gupf. Ihre groben Plutzer sehen aus wie Pinsel, die den bayerischen Himmel malen. Der Gurgler Gamsbart wird im Ortsdialekt auch Kitzelbusch genannt und dient in der Paarungszeit der Stimulation der weiblichen Genitalien.

Die königlich bayerische Landwehr wedelt mit den Schlachthaken, und die Jungbauern platteln in ihren Lendenschurzen aus Schweinsohren. In geflochtenen Reisigkörben aus Lärchenzweigen werden die Schützenkönige nackt von kräftigen Witwen getragen. Sie liegen in einem Bett aus Schneeglöckchen und spucken Weihwasser auf erlegte Wildschweine. Die Bürgerwehren schießen mit Schreckschusspistolen in die Menge.

77 Kapellen, Prachtgespanne, Festkutschen stolzieren zu Marschmusik durch die Stadt.
Foto: Imago / Peter Widmann

Die Goldmünzketten hängen an den Stiernacken der Bürgermeisterfrauen. Eine Trachtengruppe aus Oberösterreich kommt, sie sind viel kleiner als die Bayern, und ihnen fehlt jeglicher Saft. Trotz ihrer grünen Janker wirken sie schwer depressiv. Ich schäme mich für mein Volk.

Neben mir wird ein Paar vom Bayerischen Rundfunk interviewt. Sie sind besonders engagierte Mitglieder des Brauchtumsverbands Isargau. "Ein herzliches Grüß Gott vom Oktoberfest! Habt ihr beide euch auch übers Brauchtum kennengelernt?", fragt der Moderator gut gelaunt. Die Frau lacht und sagt, Nein, man habe beim Schamanismus-Wochenende im Gemeindehaus Oberilmtal ein Auge aufeinander geworfen. Seine Tracht ist zusammengesetzt aus alten Familienerbstücken, und alles hat eine besondere Bedeutung.

"Die Knöpfe sind handgeschliffen aus den Zähnen vom Urgroßvater, die Ornamente wurden mit den Fingernägeln einer unehelich geborenen Magd eigens eingeschnitzt", sagt er stolz. Die Jagdszene am Hasenledergürtel wurde in liebevoller Handarbeit vom geheimen Halbbruder im Keller gestickt. Die Lederstiefel stammen vom arisierten Dorfschuster, und den Hut hat ein Ochse aus Hasenhaar gefilzt. "Da steckt viel Liebe drin", sagt der Moderator beeindruckt.

Alle sind robust und stattlich

Die Kartoffeldämpfer fahren vorbei, ein Traditionsbetrieb seit 1936. Alle sind robust und stattlich. So ziehen die deutschen Stämme im strengen Stechschritt durch München und sind stolz auf die Unterordnung des Einzelnen zum Zwecke des Zusammenhalts.

Das alles verspricht wie das kühle Bier Erholung vom anstrengenden Individualismus eines neoliberalen Wertechaos. Die Paukenschläge bringen die Menschen in Trance und erheben die Seele bis zum Zugspitzengipfel. Ich komme erst wieder zu mir, weil mich jemand mit seinem Gamsbart in der Achsel kitzelt.

Nach der Parade mache ich mein nun zur Routine gewordenes Wiesn-Nickerchen im Hotel. Auf das Zimmer bestelle ich mir ein Wiener Schnitzel, das ich dem Theater als Spesen verrechne. Ich bin nicht hungrig, aber benutze es als warmes Kissen, das mich mit dem vertrauten Geruch der Heimat entspannt.

Auf dem Weg zurück in die Schlacht lehnt ein Mann mit der Stirn an einem U-Bahn-Eingang. Er blickt zu Boden und hat nur noch einen Schuh, wie Aschenputtel. Ich wünschte, ich hätte seinen fehlenden Schuh, dann wäre es sicherlich mein Traumprinz. Neben ihm steht ein Mann und isst seine Bratwurst.

Der Pappteller mit der Currysoße fällt ihm dabei aus der Hand auf den Boden, und die Soße verteilt sich auf dem Asphalt. Konzentriert geht er in die Hocke, die Lederhose spannt sich, und er tunkt die Bratwurst weiter am Gehsteig in die Currysoße ein.

Auf der Wiesn ist die Stimmung ungebrochen heiter.
Foto: APA / AFP / Christof Stache

Tradition, modern gelebt

Auf der Wiesn ist die Stimmung ungebrochen heiter. Heute trage ich eine weite Hose und einen schwarzen Pullover in X-Large. Ich möchte nicht auffallen, ich fühle mich heute scheu. Die Suche nach meinem Traumprinzen verschiebe ich auf die nächsten Tage. Als ich an zwei Männern mit Glatze vorbeigehe, sagt einer von ihnen: "Na, du kleine Ficksau?!"

Im Hackerzelt steht ein Breznmädel, das sind junge Frauen, die vollständig aus Laugenteig gebacken sind. Ich reiße ihr ein Stück aus der Hüfte und lungere kauend an der Wand. Einem Mann fällt auf, dass ich alleine bin. Alle wollen mich heute haben, doch schüchtern, wie ich mich fühle, beschließe ich, lieber ins Bräurosl-Zelt zu gehen, dort findet die rosa Wiesn statt, ein Oktoberfestabend für Homosexuelle.

Beim Betreten merkt man keinen Unterschied zu den anderen Zelten. Bei Tracht und Volksmusik scheint alles dem Feiern brachialer Heteronormativität zu dienen. Erst wenn man ein paar Minuten verweilt, merkt man, während des "Ein Prosit, ein Prosit" wird nur gleichgeschlechtlich gegrapscht. Tradition, modern gelebt.

Eifersuchtsdrama und Flohzirkus

Nach einer Limonade besuche ich am Gelände der Fahrgeschäfte und Attraktionen den legendären Flohzirkus. Ich zahle den Eintritt, und die Frau bittet mich zu warten. Während ich in dem dekorierten Bauwagen sitze, spielt sich vor dem Eingang ein Eifersuchtsdrama ab.

Ein Mann hat die Frau eines anderen Mannes berührt, und die Fäuste fliegen, die Augenbrauen platzen, und dann liegen sie auch schon beide mit Handschellen gefesselt auf dem Boden. Die freudig kichernden 18-jährigen Polizisten hüpfen auf ihnen auf und ab und rufen: "Verhaftet! Verhaftet!" Dann führen sie die Streithähne ab ins Wiesngefängnis. Die Ausfälligen und Kriminellen werden neben dem Riesenrad in einem großen Käfig verwahrt, wo man sie für einen Euro mit faulem Gemüse bewerfen darf.

Nun beginnt die Zirkusvorstellung. Auf einer winzig kleinen Tribüne sitzt jetzt eine Frau, es ist die Zirkusdirektorin. Nach und nach holt sie die kleinen Flöhe hervor, die sie davor jahrelang dressiert hat. Dazu greift sie unter ihr Leibchen und zwickt sanft den Floh Vladimir aus ihrem Bauchnabel, der darin ein kleines Bettchen hat.

Er tränkt sich am Körper der Direktorin mit seiner täglichen Dosis Blut. Durch das Stillen hat diese eine innige Bindung zu den Tieren. "Das ist unser Vladimir", sagt sie über den feisten Floh, der jetzt mit verschlafenem Blick auf dem Tisch sitzt. Er zwinkert mir zu. "Komm, Vladimir, zeig, wie du tanzen kannst", sagt sie liebevoll. Der kleine Vladimir dreht sich im Kreis und hält dabei ein Stück Goldfolie in der Hand, das das Licht effektvoll reflektiert.

Dreißig Sekunden

Dreißig Sekunden dauert das Spektakel, dann ist ihm schwindlig. "Gut gemacht, mein Vladimir", sagt die Frau und setzt ihn sich wieder zurück in den Nabel. Als Nächstes fasst sie sich hinters Ohr und holt zwei etwas schmächtigere Flöhe hervor. "Die zwei sind unser Pärchen: Ilse und Ignaz! Sie werden jetzt ein Wagenrennen veranstalten." Sie klemmt um die kleinen Leute einen Kupferdraht, an dem ein Blechwagen hängt. Die Flöhe ziehen ihn jetzt um die Wette. Ganz leise hört man sie keuchen. Ilse gewinnt, sie hüpft der Direktorin wieder hinters Ohr, Ignaz, vom Verlieren frustriert, hüpft hinters andere Ohr, um in Ruhe zu schmollen.

"Und zuallerletzt kommt Ferdinand, unser berühmter Fußballer." Die Direktorin fasst sich in den Nacken und holt den letzten Floh hervor. Er zappelt überdreht mit den Beinen. Sie gibt ihm einen kleinen Ball, und er kickt diesen mehrmals gezielt in ein Fußballtor.

Ich bin völlig begeistert, jauchze, klatsche in die Hände. Die Show ist kurz, aber aufregend. Beim Verlassen des Häuschens juckt es mich am ganzen Körper. Kratzend mache ich mich auf den Weg ins Hotel. Vom bestialischen Juckreiz überwältigt, reibe ich mich in der Bayerstraße noch kurz an einer Hauswand. Die Oktoberfestgäste spazieren an mir vorbei.

Der Rausch holt nur das Allerschönste aus den Menschen.
Foto: APA / dpa / Felix Hörhager

Sie resümieren ihren Abend.

Sie: "Wenn der Jesus heute noch leben würde, der würde sagen: Ich liebe alle Schwulen!"

Er: "Nein, der Jesus würde sagen, ich verbrenn die Schwulen, ich zünde sie alle an."

Ein britischer Gentleman in Knickerbockern lallt wankend zu seinem Freund: "That is the problem: the Oktoberfest beer tastes soooo good."

Eine Fünfjährige in einem Kinderdirndl schleppt sich mühsam durch die Menge. An ihren kleinen Händen hat sie Mutter und Vater, die sie über den Boden Richtung Ausgang nach Hause schleift.

Ein junger Mann sagt zu seiner Flamme: "Ich hab noch drei Smoothies im Kühlschrank, die müssen wir morgen unbedingt trinken."

Ein paar Meter weiter von mir kniet eine alte Bettlerin vor einem Becher. Die Heimziehenden sind großzügig, aber ihr Mitgefühl drückt sich unbeholfen aus. Immer wieder stolpern sie über die bettelnde Frau drüber. Ein Mann will ihr zehn Euro in den Becher legen. Beim Vornüberbeugen schüttet er ihr das Bier aus seinem Glas über den Kopf. Laufend fällt jemand über ihren gebückten Körper, doch sie verharrt ungebrochen am Straßenrand.

Alle wollen sich verbinden

Ein bärtiger Schotte gibt mir grundlos High Five, und ich denke mir, der Rausch holt nur das Allerschönste aus den Menschen. Sie wollen sich doch alle nur verbinden. Die Gruppe danach singt einem ihrer Mitglieder ein Geburtstagsständchen. Als Nächstes geht ein schickes Pärchen an mir vorbei. Die Stimmung ist angespannt, er zischt ihr zu: "Sobald wir daheim sind, spuck ich dir ins Gesicht."

Auf dem Weg zum Hotel wandelt ein einsamer Bursche in Lederhosen vor mir. Er läuft die dunklen, leeren Straßen entlang und summt vor sich her. Vor einem SUV bleibt er stehen. Er blickt lange auf das Fahrzeug und spuckt dann aus vollster Kehle mitten auf die Windschutzscheibe. Der Schaum rinnt auf die Motorhaube. Greta wäre stolz auf ihn.

Meinen Traumprinzen habe ich auch heute nicht gefunden. Doch kurz vorm Hoteleingang pinkelt gerade ein blonder Amerikaner in die Ecke. Sein Strahl ist fest. Als er mich am Hosenbein erwischt, beginnen wir zu plaudern. Sein Name ist Benjamin, und er weiß nicht mehr, wo sein Hotel ist.

Ich nehme ihn mit auf mein Zimmer und ziehe ihm die Lederhose aus. Er rammelt mich behutsam wie ein Igel, dann wird er bewusstlos. Ich bin zufrieden und trage ihn wieder auf die Straße. (Stefanie Sargnagel, 19.9.2020)