Pogacar steht vor dem Tour-Sieg.

Foto: REUTERS/Marco Bertorello

La Planche des Belles Filles – Der Slowene Tadeij Pogacar hat seinem Landsmann Primoz Roglic mit einem überlegenen Einzelzeitfahrsieg sensationell noch das Gelbe Trikot abgejagt. Der 21-Jährige aus dem UAE-Team nahm dem überraschend schwächelnden Roglic am Samstag bei seinem dritten Etappensieg fast zwei Minuten ab und führt vor der abschließenden Champagner-Fahrt nach Paris 59 Sekunden vor dem bisherigen Leader.

"Ich glaube, ich träume. Ich weiß nicht, was ich sagen soll", rang Pogacar nach Worten, nachdem ihm gerade vom schwer geschlagenen Roglic gratuliert worden war. Bisher sei es sein Wunschtraum gewesen, bei der Tour nur dabei zu sein. "Jetzt bin ich hier im Gelben Trikot, das ist unglaublich", sagte der Tour-Debütant, der auch schon die 9. und die 15. Etappe gewonnen hatte.

Tour de France™

Kommt Pogacar am Sonntag auf dem letzten Abschnitt, der traditionellerweise ohne Angriff auf den Spitzenreiter abläuft, unbeschadet nach Paris, avanciert er einen Tag vor seinem 22. Geburtstag zum jüngsten Tour-Sieger nach Henri Cornet (19 Jahre). Neben dem Gelben Trikot wird er auch das Bergtrikot und das Nachwuchstrikot holen, das ist in der 107-jährigen Geschichte der Rundfahrt noch niemandem gelungen. Einen Gesamtsieg eines Debütanten hat es seit Laurent Fignon 1983 nicht mehr gegeben.

Machtdemonstration

Im Kampf gegen die Uhr von Lure zur Bergankunft auf der Planche des Belles Filles (36,2 km) degradierte Pogacar die Konkurrenz regelrecht zu Statisten. Der zweitplatzierte Roglic-Edelhelfer Tom Dumoulin hatte bereits 1:21 Minuten Rückstand. Der kreidebleiche Roglic lag nach dem enorm steilen Schlussanstieg im Ziel als Fünfter 1:56 zurück. Der Topfavorit hatte das Rennen mit seiner dominanten Jumbo-Mannschaft eigentlich von Beginn an dominiert, nach elf Tagen im Führungstrikot steht der 30-jährige Vuelta-Sieger nun aber völlig unerwartet mit leeren Händen da.

Als Dritter neben den beiden Slowenen wird der Australier Richie Porte (Trek) erstmals am Tour-Podest stehen. Der Routinier schob sich mit Platz drei im Zeitfahren noch auf das Stockerl.

Felix Großschartner belegte im Zeitfahren Rang 32, im Gesamtklassement ist der Bora-Profi 63. Marco Haller, der zweite im Feld verbliebene Österreicher, landete nicht in den Top 100.

Nichts für schwache Nerven

Roglic war um 17.14 Uhr als letzter Starter von der Rampe gerollt, die Ausgangslage war für den starken Zeitfahrer bei 57 Sekunden Vorsprung auf Pogacar sehr gut. Der Mann in Gelb begann auf dem unheimlich selektiven Kurs – zuerst eben, dann spürbar ansteigend und die letzten sechs Kilometer als steile Rampe – dosiert, lag bei der ersten Zwischenzeit nur auf Platz fünf und 13 Sekunden hinter Pogacar.

Bis zum Anstieg der Schlusssteigung verlor Roglic weitere Sekunden auf Pogacar. Beide wechselten am Fuß der Steigung ihr Rad, stiegen von der Zeitfahr- auf die Bergmaschine um. Als Roglic bei der Vier-Kilometer-Marke ankam, war sein Vorsprung aufgebraucht. Der entfesselte Pogacar gab weiter Gas, Roglic hatte nichts mehr zuzusetzen und verlor Sekunde um Sekunde. (APA, sid, 19.9.2020)

Tour de France, 20. Etappe, Samstag
(EZF, Lure – La Planche des Belles Filles, 36,2 km)

1. Tadej Pogacar (SLO) UAE 55:55 Min.
2. Tom Dumoulin (NED) Jumbo +1:21 Min.
3. Richie Porte (AUS) Trek gl. Zeit
4. Wout van Aert (BEL) Jumbo +1:31
5. Primoz Roglic (SLO) Jumbo +1:56
6. Remi Cavagna (FRA) Deceuninck +1:59
7. Damiano Caruso (ITA) Bahrain +2:29
8. David de la Cruz (ESP) UAE +2:40
9. Enric Mas (ESP) Movistar +2:45
10. Rigoberto Uran (COL) EF +2:54.

Weiters:
32. Felix Großschartner (AUT) Bora +5:31
139. Marco Haller (AUT) Bahrain +10:45

Gesamtwertung:

1. Tadej Pogacar (SLO) UAE 84:26:33 Std.
2. Primoz Roglic (SLO) Jumbo +0:59 Min.
3. Richie Porte (AUS) Trek +3:30
4. Mikel Landa (ESP) Bahrain +5:58
5. Enric Mas (ESP) Movistar +6:07
6. Miguel Angel Lopez (COL) Astana +6:47
7. Tom Dumoulin (NED) Jumbo +7:48
8. Rigoberto Uran (COL) EF +8:02
9. Adam Yates (GBR) Mitchelton +9:25
10. Damiano Caruso (ITA) Bahrain +14:03

Weiters:
63. Felix Großschartner (AUT) Bora +3:24:11 Std.
143. Marco Haller (AUT) Bahrain +5:46:27