Viele Britinnen und Briten sind in Sorge – wie hier in Londons Chinatown.

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Eindringlich haben die beiden Chef-Wissenschaftler der Regierung am Montag die Briten auf deren mangelnde Aufmerksamkeit im Kampf gegen das Coronavirus hingewiesen. Zuletzt hätten sich die Neuinfektionen im Wochenrhythmus verdoppelt, teilte der wissenschaftliche Chefberater Sir Patrick Vallance mit. Wenn der Trend anhält, muss das Land Mitte Oktober mit 50.000 Neuerkrankungen pro Tag, einen Monat später mit täglich mindestens 200 Covid-Toten rechnen.

Die konservative Regierung von Premier Boris Johnson plant neue Einschränkungen. "Wir gehen in die falsche Richtung", sagte Professor Christopher Whitty, der höchste Gesundheitsbeamte Englands. Dabei sehe sich das Land einem Problem "für die nächsten sechs Monate" gegenüber: der Kontrolle von Sars-CoV-2 in den Herbst- und Wintermonaten, in denen Atemwegserkrankungen und Grippe ohnehin das Immunsystem schwächen. Diversen Studien zufolge, so Whitty, haben höchstens acht Prozent der Bevölkerung eine wenigstens begrenzte Immunität gegen das Coronavirus entwickelt. Die Forschung mache zwar große Fortschritte; mit verlässlichen Impfstoffen sei aber frühestens in der ersten Jahreshälfte 2021 zu rechnen.

Anstieg der Zahlen

Im September ist die Zahl der Neuinfektionen stetig gestiegen, auf zuletzt rund 4.000 täglich. Am Sonntag lag die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen laut Gesundheitsministerium bei 41.777, zuletzt starben im Wochendurchschnitt 24 Menschen pro Tag.

Dass Johnson das Wissenschaftler-Duo live ins Fernsehen schickte, hat mit der schweren Vertrauenskrise zu tun, in die der unsicher wirkende Premier und seine Regierung gerutscht sind. Mehrheitlich hält die Bevölkerung Johnsons Coronakurs für mangelhaft. Am Dienstag tagt der Krisenstab Cobra, womöglich noch am gleichen Tag will der Regierungschef neue Einschränkungen verkünden. Ob diese fürs gesamte Königreich gelten werden, wollte Johnson am Montag mit den Ministerpräsidenten von Nordirland, Schottland und Wales besprechen. Der Waliser Erste Minister Mark Drakeford (Labour) hatte sich am Wochenende bitter über Londons mangelhafte Konsultation beschwert.

Absacken der Börsenkurse

An der Londoner Börse sackte der Index FTSE um drei Prozent ab, die Aktien von Airlines und Bahngesellschaften erlitten zweistellige Rückgänge. In der Hauptstadt gelten neue Einschränkungen von dieser Woche an als sicher. Im Norden Englands mit 13 Millionen Menschen sowie in einzelnen Bezirken von Wales gelten schon jetzt Kontaktverbote mit anderen Haushalten; Reisen außerhalb des Landkreises dürfen nur in Ausnahmefällen unternommen werden. Für Pubs und Restaurants gelten kürzere Öffnungszeiten. Auch ein neuerlicher, mindestens zweiwöchiger Lockdown des gesamten Landes wird nicht mehr ausgeschlossen.

Im Unterhaus musste sich Gesundheitsminister Matthew Hancock Kritik dafür gefallen lassen, dass er in den vergangenen Tagen mehrfach die Bevölkerung für die schweren Mängel bei der Nachverfolgung von Kontaktinfizierten verantwortlich gemacht hat. Zu viele Menschen würden beim Nationalen Gesundheitssystem NHS um einen Test anchsuchen, behauptete er; dies trage zu langen Wartezeiten bei und überlaste die personell unterbesetzten Labors. Erst im Juli hatte der Minister die Briten ausdrücklich dazu aufgefordert, sich auch bei leichten Symptomen einem Coronatest zu unterziehen. Eine seit Monaten angekündigte Warn-App soll diese Woche verfügbar werden. (Sebastian Borger, 21.9.2020)