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In Miroslava Svolikovas Stücken ereignen sich unglaubliche Dinge.

Foto: APA/picturedesk

Autorin und bildende Künstlerin Miroslava Svolikova. Am Schauspielhaus Wien hat ihr jüngstes Stück "Rand" Uraufführung.

Anna Breit

Regenbögen kriegen Wutausbrüche, steinerne Mauern erheben das Wort, und halbtote Soziologen raffen sich noch einmal zum Sex auf. Das sind keine Fantasyfilmmomente, solcherlei geschieht heute am Theater. Genauer: In den Stücken von Miroslava Svolikova. Die 1986 in Wien geborene Autorin und bildende Künstlerin hat seit ihrer Auszeichnung mit dem Retzhofer Dramapreis 2015 eine Reihe fabelhafter Texte vorgelegt und zählt neben Thomas Köck oder Wolfram Lotz im deutschen Sprachraum zur Speerspitze des jungen zeitgenössischen Dramas.

Sieben Stücke sind bei Suhrkamp verlegt, darunter auch eine König Lear-Übersetzung, mit der Johan Simons kürzlich seine Spielzeit in Bochum eröffnet hat. Das allerjüngste, Rand, feiert kommende Woche am Schauspielhaus Wien Uraufführung, in der Regie von Tomas Schweigen.

Svolikova ist ein Kind des Dazwischens. Ihre Texte entstehen in der Spannung zwischen verschiedenen Sprachen und verschiedenen Ausdrucksformen: Die Autorin wuchs mehrsprachig in Wien und der Steiermark auf (ihre Familie wanderte in den 1980er-Jahren aus der kommunistischen Tschechoslowakei aus) und hat sich nach einem Studium der Philosophie sowie später der bildenden Kunst der Literaturproduktion zugewandt. Wobei: Geschrieben hat Svolikova bereits als Volksschülerin, Lyrik.

Das Schreiben hat vorläufig die Oberhand, doch die eine Kunstsparte sticht die andere nicht aus. Sie gehören zusammen – und damit steht Svolikova prototypisch für eine gegenwärtige Kunstszene, die Grenzen zwischen den Richtungen gern durchlässig hält.

Auftritt des Speichels

Musik (Elektronik) gehört bei ihr auch noch dazu. Und mit alldem in Griffweite entwirft Miroslava Svolikova irrsinnige Dramenwelten, in denen nicht mehr Menschen aus Fleisch und Blut als Sprecher auftreten, sondern andere Wesenseinheiten zu Wort kommen. Es ist ein "vergesellschaftetes Sprechen", das vom Schicksal des Sozialwesens Mensch wegblendet in größere Zusammenhänge und dabei Themen großer Tragweiten diskutierbar macht.

Wo ist etwa jemals "ein Stück Speichel" aufgetreten, der aufgeladen ist mit schwerem Leben und deshalb schleimt und sabbert? Oder wann hat die Erdkugel jemals im Zorn einen Gott gebissen? Und konnte jemals schon das Böse auf Erden zusammengerollt und weggelegt werden? Regie und Ausstattung haben schlaflose Nächste. Menschen haben am Theater jahrhundertelang Zeit gehabt, sich zu äußern, jetzt spricht nach Cyborgs und Humanoiden die ganze Welt in ihren Einzelteilen zu uns. Damit will Svolikova aber auch "den Cast von Kategorien wie Alter, Geschlecht, Ethnie etc. erlösen", wie sie sagt. "Meine Subjekte kann jeder und jede spielen."

Die bildnerisch-Science-Fiction-haften Ideen sind essenzieller Bestandteil von Svolikovas Stücken. Die 34-Jährige erweitert mit ihren unorthodoxen "Figuren" den Denkraum am Theater. Nicht nur das: Es gelingt ihr auf diese Weise, abstrakte, philosophische, soziologische etc. Ideen in konkretes Theater umzumünzen. Das wirkt nie schwerfällig, sondern fast immer komödiantisch. Die teuflische Kombination aus Intellekt und Entertainment hat Svolikova bei Jelinek gelernt.

Bildsprache

Im Stück Diese Mauer fasst sich selbst zusammen ... beispielsweise räsoniert der letzte verbliebene Stern der EU-Flagge in einem futuristischen EU-Museum mit Praktikanten über die Gesellschaft. Das ergibt eine politische Farce, wie sie besser kaum geht. Doch die Genrebezeichnungen sind bei Svolikova vielfältig, fast jedes Stück bringt ein neues mit sich: eine Dorfpolyphonie (die hockenden), ein dramatisches Gedicht (europa flieht nach europa), eine absurde Dialogkomödie (Der Sprecher und die Souffleuse), ein Zukunftsmythos (Gi3F – Gott ist drei Frauen) oder eben ein philosophischer Splatterporno, wie er nun mit Rand am 30. September am Schauspielhaus Premiere hat.

In diesem Stück geht es um eine Betrachtung der sozialen und politischen Metaphern von Mitte und Rand, aber auch um den Begriff der Abgrenzung, wenn eine eifrige Gruppe von Soziologen die fremden Sitten und Gebräuche der Tetrissteine (sic!) erkundet. Die Jahrtausende alte Tradition der Tetrissteine und ihrer Urahnen ist nämlich bedroht.

Miroslava Svolikova bringt mit ihren Sprechkonzepten etwas Neues ins Theater. Das Wunder daran ist, dass mit der bildnerisch-visuellen Freiheit dieser Entwürfe auch eine Sprache ins Spiel kommt, die ganz unpathetisch ihre Poesie laufen lässt. (Margarete Affenzeller, 23.9.2020)