Ein abgebranntes Haus im Zuge der Waldbrände in Kalifornien.

Foto: AP/Noah Berger

Zu Corona gibt es keine einfachen Antworten, nur täglich mehr Fragen. Die Botschaften der politischen Entscheidungsträger ändern sich im Wochenrhythmus, ebenso die Verordnungen. Eine Stimmung der Verunsicherung und Ermattung macht sich breit. Viele Menschen sorgen sich berechtigterweise um ihre Existenz – manche haben sie schon verloren.

Wenn nicht zu Corona, dann füllen Hiobsbotschaften zur Klimakrise die Titelseiten. Was vor ein paar Jahren noch ignoriert werden konnte, ist mit einer schmelzenden Arktis und Waldbränden von Kalifornien bis Australien nur mehr schwer auszublenden.

Keine Patentrezepte

Da ist sie wieder, die Angst. Das Gefühl, dass alles nur noch schlechter werden kann. Die Angst, die einen unerwartet überfällt und kalt über den Rücken läuft. Ich hatte eine Zeitlang oft Angst, heute seltener. Auch wenn es keine Patentrezepte gibt: Was hat mir persönlich geholfen?

Wenn ich die Angst verdränge, mache ich sie noch stärker. Sie anzusprechen, beim Namen zu nennen, auch mit anderen, ermöglicht mir, sie zu überwinden oder manchmal auch nur zu relativieren. Zu viel Angst erzeugt Ohnmacht, und je ohnmächtiger wir uns fühlen, umso bedrohlicher wird alles. Ziel müsste sein, durch einen Perspektivenwechsel, in kleinen Schritten, wieder Handlungsfähigkeit zu erlangen.

Dankbarkeit für die guten Momente

Ich versuche, mich in Dankbarkeit zu üben, Dankbarkeit für die guten Momente und für das, was ich im Leben habe. Wenn wir gemeinsam essen, werden zu Beginn alle eingeladen, zu sagen, wofür sie an diesem Tag dankbar sind. Wir haben in der Familie bemerkt, wie viel da ist, und schon können wir aus einem anderen Winkel auf alles schauen.

Den Glauben an Gott, diesen sicheren Anker, der mich als Kind vor dem Einschlafen im Stillen das Vaterunser hat sagen lassen, habe ich irgendwo auf dem Lebensweg abgelegt. Dennoch: Wenn ich am Abend auf einen klaren Sternenhimmel blicke, ergreift mich ein überwältigendes Gefühl der Unbedeutendheit in Anbetracht des weiten Alls. Das ist für mich eine Antidosis gegen die Angst.

Permanente Ablenkung

In den letzten Jahren habe ich begonnen zu meditieren. In der Früh, wenn die Kinder noch schlafen, ruhe ich im Sitzen, atme und versuche an nichts zu denken. Das ist die Pause für mein Gehirn, das in Zeiten der permanenten Ablenkung durch digitale Medien am Mobiltelefon mehr gefordert ist als früher. Für andere ist es das Laufen im Park, das bewusste Sein in der Natur oder irgendeine Praxis, die uns in einen Fluss versetzt.

Bei jenen Dingen, die nach mehr Analyse verlangen, hilft das Tagebuch und ermöglicht einen Wechsel der Perspektive. Über Jahre habe ich mein eigenes liegen lassen, jetzt wieder zur Hand genommen beziehungsweise schreibe es seit neuestem lieber am Laptop und habe es sogar einmal schon ins Telefon diktiert.

Blick auf das Schöne

Aber was wäre, wenn sie wieder ganz schlimm würde, die Angst: Dann würde ich, wenn irgend möglich, versuchen, andere um Hilfe zu bitten und darüber zu sprechen. Am Ende sehe ich die Angst als einen Begleiter und auch als Chance zu wachsen und sich zu verändern. Nur nicht zu viel davon, sonst geht der Blick auf das Schöne, das Leben und die eigenen Handlungsspielräume, verloren. (Philippe Narval, 28.9.2020)