Bob* hat seine Schwester verloren. Die Coronavirus-Pandemie hat Jessica* in einen Zustand versetzt, in dem sie nicht mehr mit sich reden lässt. Selbst Smalltalk über das Telefon ist kaum noch möglich. "Letztens hat sie mir gesagt, dass ich auf keinen Fall mit dem Auto durch Austins Innenstadt fahren soll – wegen der Black-Lives-Matter-Proteste. Ansonsten würde mir etwas ganz Schreckliches passieren", erzählt Bob. Er tat es trotzdem, ohne Konsequenzen.

Jessica ist eine Anhängerin der QAnon-Verschwörungstheorie. 2016 hoffte sie noch, dass Bernie Sanders die demokratische Präsidentschaftskandidatur erringen könnte. "Danach schien sie erstmals desillusioniert, weil Sanders von der demokratischen Plattform ausgeschlossen wurde", so erklärt sich Bob die Tendenz, dass Jessica nach und nach für Verschwörungstheorien empfänglich wurde. Am Anfang waren es nur Hillary Clinton und die "Mainstream"-Medien, die sie der übelsten Dinge bezichtigte. Die Pandemie brachte schließlich das Fass zum Überlaufen. Jessica glaubt nicht daran, dass Covid eine Gefahr darstellt. Joe Biden ist ihrer Ansicht nach pädophil. Auf Youtube verfolgt sie die Streams der Proteste und Ausschreitungen in amerikanischen Städten. Alles Puzzleteile, die sich in ihre QAnon-Weltsicht einfügen, dass "dunkle Kräfte" heimlich an der Zerstörung Amerikas arbeiten.

QAnon quer durch die Gesellschaft

Jessica ist ein Beispiel dafür, dass QAnon in den USA nicht mehr nur für die glühendsten Anhänger von Donald Trump attraktiv ist. Der Aspekt des mutmaßlichen Kinderhandels durch Prominente spricht vor allem weiße Frauen in den Vororten der amerikanischen Großstädte an. Mittlerweile trifft man bei QAnon-Demonstrationen ein heterogenes Publikum an: jung, alt, weiß, schwarz, Hippie oder evangelikal und Abtreibungsgegner.

Ein Zeichen, das immer öfter in den USA auftaucht.
Foto: AP / Graham Hughes

Unter dem Hashtag #SavetheChildren hat sich QAnon in den letzten Monaten von Plattformen wie 8kun, 4chan, die für ihre rechtsextremen Inhalte bekannt sind, zu Facebook und Instagram vorgearbeitet. Influencer – es sind vorwiegend Mütter mit kleinen Kindern – promoten jenen Aspekt der QAnon-Verschwörungstheorie, den auf den ersten Blick eigentlich jeder unterstützen wollen würde: den Kampf gegen Kinderhandel. Hunderttausende Kinder seien in den USA abgängig, Abkürzungen auf Autos würden kennzeichnen, wo demnächst Kinder gekidnappt werden.

Kinderretter behindern Save the Children

Diese falschen Gerüchte, die von QAnon-Anhängern gepostet werden, haben reale Konsequenzen. Die Hotline des Polaris-Projekts, das sich gezielt gegen Menschenhandel einsetzt, wurde beispielsweise mit Anrufen überschwemmt, sodass tatsächlichen Opfern das Durchkommen verwehrt blieb. Die US-Organisation Save the Children, die den gleichen Namen wie der Hashtag trägt, musste sich von QAnon distanzieren. Und auch die Republikanische Partei greift das Thema Kindesmissbrauch im Wahlkampf auf, um demokratische Abgeordnete gezielt zu attackieren und Trump-Wähler zu animieren.

Vor zwei Jahren noch ein extremistisches Randphänomen, ist QAnon mittlerweile vielen US-Amerikanern ein Begriff. Während im März nur 23 Prozent davon gehört hatten, sind es im September laut Pew Research schon 47 Prozent. Die Regierung Trump tut ihr Übriges dazu, um das Interesse an QAnon nicht abreißen zu lassen. Im August wurde Donald Trump in einer Pressekonferenz das erste Mal direkt auf QAnon angesprochen und fand nur positive Worte für die Verschwörungstheoretiker, die das Land und ihn lieben würden. Mit Marjorie Taylor Greene wird am 3. November erstmals eine deklarierte QAnon-Anhängerin als Abgeordnete in den US-Kongress gewählt werden. Ihr Sieg ist so gut wie sicher, weil ihr demokratischer Gegner sich vorzeitig aus dem Spiel genommen hat und ihr Wahldistrikt in Georgia traditionell republikanisch wählt.

NBC News

Die Anzahl der tatsächlichen QAnon-Anhänger in den USA zu beziffern ist schwierig. Eine Vorstellung gibt eine aktuelle Civiqs-Umfrage: Immerhin sieben Prozent der Befragten bezeichnen sich darin als QAnon-Anhänger. Mehr als ein Drittel der republikanischen Wähler glaubt, dass die Verschwörungstheorien von QAnon großteils der Wahrheit entsprechen.

Kein Argument dringt durch

Dass seine Schwester Jessica als einstiger Bernie-Sanders-Fan plötzlich wirren Verschwörungstheorien Glauben schenken würde, hätte sich Bob niemals gedacht. Youtube-Videos seien ihre Einstiegsdroge gewesen, der Einfluss ihres Freundes ein weiterer entscheidender Faktor.

Der Kontakt zu seiner Schwester beschränkt sich mittlerweile auf SMS. Bob hat die Hoffnung aufgegeben, mit Argumenten zu ihr durchzudringen. Genauso wie viele andere Amerikaner, deren Freundschaften und Familienzusammenhalt wegen QAnon in die Brüche gegangen sind, sieht er ratlos zu, wie sich Jessica immer mehr von der Realität verabschiedet. "Es würde mich nicht überraschen, wenn sie sich vor der Wahl noch als Trump-Wähler outet", sagt Bob. Was nach der Wahl am 3. November mit QAnon passieren wird, vermag er sich nicht vorzustellen. (1.10.2020)