Viele Menschen, kaum Masken: die Republican Convention am 25. August im Rosengarten des Weißen Hauses.

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Eine alternative Wirklichkeit existiert im Land. Spätestens seit der Republican Convention, bei deren Schlussveranstaltung Donald Trump seine Parteinominierung vor hunderten unmaskierten Gästen im Garten des Weißen Hauses angenommen hat, war klar, dass das Coronavirus für die Partei des Präsidenten kein Problem mehr darstellt. Schon der Ort selbst ist in vieler Hinsicht problematisch, weil es verpönt ist, das Weiße Haus als Kulisse für Wahlkampagnen zu verwenden. Zudem verstieß das weitgehend maskenlose Großevent klar gegen das Verbot der Lokalregierung von Washington, D.C., die solche Massenveranstaltungen untersagt hat. Diese alternative Realität wurde von Trump kreiert, aber nicht einmal er selbst glaubt sie, wie jüngst vom Journalisten Bob Woodward aufgezeigt wurde.

Als gebürtiger Mitteleuropäerin ist mir der Standpunkt der Trump-Regierung unerklärlich. Oft wird gedacht, dass die Trump-Fans ungebildete "Yokel" (naive und dumme Landbewohner) sind. Ich lebe in Morristown, einer kleinen, aber sehr geschäftigen Stadt in Central New Jersey. Wenn man nicht zu genau hinschaut, kann man sich einbilden, dass hier das Leben, abgeschirmt von der brutalen politischen und ökonomischen Wirklichkeit des Landes, noch fast normal ist.

Pizza, Bier und Kontroversen

Dienstagabends laufe ich – na ja, im Moment ist es verletzungsbedingt eher ein langsames Joggen — mit einer Gruppe, die hauptsächlich aus Männern mittleren Alters besteht, die in mittelständischen Berufen, vor allem in der IT-Branche und auf dem Gebiet der Medizin, tätig sind. Nach dem Lauf gibt's Pizza und Bier – Corona-bedingt im Freien. Doch die Gespräche, die sich während dieses wöchentlichen Beisammenseins ergeben, entsprechen durchaus der gespaltenen Realität, durch die das Land auseinanderzubrechen scheint.

Ein Postkasten in Morristown, New Jersey. Auch Trumps angebliches Misstrauen gegenüber der Briefwahl ist immer wieder Thema im US-Wahlkampf.
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Zum Beispiel: Einer der besten Läufer ist Ryan (er heißt in Wirklichkeit anders), ein junger Unfallmediziner, der im lokalen Spital arbeitet. Er ist ein Republikaner, der auch 2016 Trump gewählt hat. Ryan findet das Tragen von Masken albern, weil sie im täglichen Leben durch das ständige Aufsetzen und Abnehmen sicherlich keine Schutzfunktion hätten. Er glaubt, dass die Regierung, speziell der demokratische Gouverneur Phil Murphy, die Leute in New Jersey wahrscheinlich nur verängstigen will. Und er erzählt, dass es in Morris County seit Juni keine neuen Covid-Fälle mehr gegeben habe.

Woraufhin ich eine Statistik der "New York Times" zitiere, laut der in den vergangenen 14 Tagen in Morris County durchschnittlich 16 Menschen täglich positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

Zweifel an der Statistik

Er entgegnet, dass jeder, der mit einem verstauchten Knöchel im Krankenhaus auftaucht, jetzt einen Covid-Test machen muss. Leute, die sich jetzt testen ließen, hätten also oft keine Symptome und seien wegen eines Unfalls oder einer anderen Krankheit im Spital. Außerdem ist die ganze Testerei laut Ryan ein Wahnsinn, da es sehr viele falsch positive, aber auch falsch negative Testresultate gebe.

Joggen in Wahlkampfzeiten. Im Zuge der Proteste gegen rassistische Polizeigewalt legte sich der Präsident auch mit der Black-Lives-Matter-Bewegung an.
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Die anderen Läufer, auch die beiden, die nach wie vor mit Masken auftauchen, hören schweigend zu oder unterhalten sich über andere Dinge.

Ich nicht. Ich sage laut, dass trotzdem über 830 Menschen in Morris County an dem Virus verstorben sind. Ryan kontert, dass man unterscheiden muss zwischen denen, die mit, und denen, die an Covid starben. Er will damit sagen, dass viele dieser Menschen bereits krank waren, aber im Prozess des Sterbens auch an Covid-19 erkrankten und jetzt als Covid-Tote in die Statistik eingegangen sind. Außerdem sei seit Ende Juni niemand mehr an Covid-19 verstorben.

Laufen und im Kreis reden

Ich sage, oh, doch, laut "Washington Post" seien es in einer Woche allein in New Jersey 36 Menschen gewesen. Worauf er antwortet, dass diese Menschen wohl schon im Frühjahr erkrankt sein müssten, da es heute kaum mehr neue aggressive Covid-19-Fälle in New Jersey gebe, und dass die neuen Fälle oft asymptomatisch seien oder sich wie eine milde Erkältung äußerten. Zu diesem Zeitpunkt wird mir klar, dass das Gespräch sich im Kreis bewegt und ich noch ein Bier will.

Ryan und ich laufen nach wie vor miteinander. Es ist jedoch auffällig, wie sehr auch unter gebildeten Leuten politische Ideologien und "confirmation bias" zu unterschiedlichen Interpretationen der Viruserkrankung in der Gesellschaft geführt haben. Wenn die Ansichten so weit auseinanderklaffen, wie kann da ein zukünftiger Präsident die Situation im Land in den Griff bekommen? (Barbara Franz aus Morristown, 7.10.2020)


Barbara Franz studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Wien und Politikwissenschaft und Geschichte in New York. Sie ist Professorin für Politikwissenschaft an der Rider University in New Jersey und forscht unter anderem im Feld der Immigrations- und Flüchtlingspolitik. Franz ist Kärntnerin und Amerikanerin.
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