Der Ton in der Debatte zwischen US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden war rau.

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Washington – Respektlos. Chaotisch. Eine Farce. In der Geschichte amerikanischer Präsidentschaftsdebatten dürfte mit dem Duell, das Donald Trump und Joe Biden in der Nacht auf Mittwoch in Cleveland austrugen, der Tiefpunkt erreicht worden sein. Von einer Debatte im herkömmlichen Sinn, vom Diskutieren über Inhalte, über Programme, konnte schon nach wenigen Minuten keine Rede mehr sein. Stattdessen stand der Abend ganz im Zeichen persönlicher, beleidigender Attacken. Was vor allem am Amtsinhaber lag.

Herausforderer Joe Biden verhaspelte sich öfter während der Debatte.
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Dass Trump versuchen würde, seinen Gegner durch heftige Angriffe aus dem Gleichgewicht zu bringen, war erwartet worden. Biden neigt dazu, sich zu verhaspeln, den Faden zu verlieren, wenn er unter Druck kommt. Doch die Aggressivität, die Trump vom Startschuss weg an den Tag legte, hat dann doch überrascht. Nie ließ er seinen Kontrahenten ausreden, ständig fiel er ihm ins Wort. 2016, als er bei drei TV-Debatten mit Hillary Clinton stritt, hatte er immerhin noch auf ein Mindestmaß an Etikette geachtet. Davon war nichts, aber auch gar nichts mehr zu spüren.

Die erste Debatte in voller Länge.
ORF

Trump lobt eigenen Umgang mit Pandemie

Bisweilen hatte es den Anschein, als wollte der 74-Jährige wie eine Dampfwalze über seinen drei Jahre älteren Widersacher hinwegrollen. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis Biden sich provozieren ließ. "Können Sie endlich mal den Mund halten, Mann", fuhr er ihn an, sichtlich irritiert, weil er keinen Gedanken zu Ende bringen konnte, ohne unterbrochen zu werden. Es war nicht das einzige Mal, dass er sich zu einer unbedachten Äußerung hinreißen ließ. Nur wirkte es, gemessen an den Tiraden des Präsidenten, vergleichsweise harmlos.

US-Präsident Donald Trump fiel Joe Biden während der TV-Debatte ständig ins Wort.
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Inhaltlich hat man nichts Neues erfahren. Trump fand es völlig angemessen, die vakante Stelle am Supreme Court im Eilverfahren mit einer konservativen Richterin zu besetzen, während Biden einmal mehr forderte, das Ergebnis der Wahl am 3. November abzuwarten, bevor über die Personalie Amy Coney Barrett entschieden wird. Trump lobte sich dafür, im Umgang mit der Corona-Epidemie einen tollen Job zu machen. Biden sprach von einem Staatschef, der zum einen nie einen Plan gehabt und zum anderen die Gefahr wochenlang, wider besseres Wissen, heruntergespielt habe.

Trump malte seine unbewiesene These, nach der beim Briefwählen massiv manipuliert werde, einmal mehr in düsteren Farben aus. Offenbar baut er vor für ein Szenario, bei dem er zwar in der Nacht nach dem Wahltag vorn liegt, aber dann, wenn nach und nach die per Post abgegebenen Stimmen ausgezählt werden, ins Hintertreffen gerät. Biden hingegen zitierte den FBI-Direktor, einen Republikaner, der die Betrugsbehauptung ins Reich der Legenden verwiesen hatte, und unterstrich, dass der Sieger erst nach Auszählung ausnahmslos aller Stimmen feststehe.

Während des TV-Duells ging es weniger um Inhalte der beiden Präsidentschaftskandidaten als um persönliche Angriffe.
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Rechtsradikale Miliz soll sich zurückhalten, aber bereitstehen

Doch es waren die permanenten Schläge unter die Gürtellinie, die im Gedächtnis bleiben werden. Das permanente Überschreiten jeglicher Hemmschwelle. Als Biden von seinem Sohn Beau sprach, ein Jahr lang Soldat im Irak, bevor Ärzte einen Hirntumor diagnostizierten, an dem er 2015 starb, wechselte Trump sofort das Thema und brachte den zweiten Sohn seines Rivalen ins Spiel. Über Hunter Biden, der im Aufsichtsrat des ukrainischen Erdgaskonzerns Burisma saß und lukrative Geschäfte in China anbahnte, hatte er zuvor das neu aufgetauchte Gerücht verbreitet, er habe 3,5 Millionen Dollar von der Frau des Moskauer Bürgermeisters kassiert – was Biden senior kategorisch bestreitet.

Dass Trump bei alledem nicht ein Wort der Anteilnahme für Beau Biden fand, sondern umgehend zur nächsten Attacke blies, empfanden in ersten Stellungnahmen selbst manche seiner Parteifreunde als würdelos.

Und als ihn der Moderator Chris Wallace, beschäftigt beim Sender Fox News, fragte, ob er weißen Überlegenheitsdünkel verurteile, war der absolute Tiefpunkt erreicht, auch inhaltlich. Statt eine klare Antwort zu geben, sprach er in neutralen Tönen von einer rechtsradikalen Miliz, die in Portland, Oregon, zu provozieren versucht: Die "Proud Boys" sollten sich zurückhalten, aber bereitstehen. Da war er wieder, der Präsident, dem es ein ums andere Mal schwerfällt, sich von Fanatikern zu distanzieren.

Senator Bernie Sanders in einer Reaktion nach der Debatte: "Trump lügt weiter."
Jimmy Kimmel Live

Entsetzen bei Beobachtern

Beobachter wie Jake Tapper von CNN zeigten sich nach der Debatte entsetzt. "Das war ein wildes Durcheinander in einem Müllhaldenbrand in einem Zugsunglück", fasste Tapper zusammen. "Das war keine Debatte, sondern eine Schande", fügte der Moderator hinzu. Für ihn sei klar, wer bei dem Aufeinandertreffen verloren habe: das amerikanische Volk.

Auch bei Fox News sah Doug Schoen keine inhaltlichen Überraschungen, die die Einstellungen der Wählerinnen und Wählern verändern könnten. In Sachen Stil macht Schoen aber dennoch einen Gewinner aus: Trump. Er habe klar die Kontrolle über die Konversation gehabt, so der Beobachter bei Fox News: "Trump hatte – wenn auch kein präsidiales Auftreten – auf jeden Fall das Kommando."

In einer Reaktion in der Late-Night-Show von Jimmy Kimmel nannte der ehemalige Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Bernie Sanders, Trump den "schlimmsten Präsidenten, den die USA jemals hatten". Biden wäre wenigstens ein Präsident, der auf die Wissenschaft hören würde – vor allem wenn es um den Klimawandel geht. (Frank Herrmann, red, 30.9.2020)

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