Auch Unterstützerinnen und Unterstützern Donald Trumps standen nach der TV-Debatte vom Vorabend am Mittwoch die Haare zu Berge.

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Washington – Wie übersetzt man die englische Wendung "Shitshow" eigentlich in andere Sprachen? Das wollte am Tag der TV-Debatte zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Kontrahenten Joe Biden die US-Autorin Celeste Ng wissen – und traf damit einen Nerv. Denn in einem waren sich nach der Diskussion alle einig: So ein Espetáculo de Merda (Portugiesisch) darf sich nicht noch einmal wiederholen. Das finden auch führende Republikaner, die Kritik an Trump übten.

Die parteiunabhängige "Kommission für Präsidentendebatten", die die Sendung ausrichtet, will nun die Regeln ändern. Bei den weiteren Zusammenkünften der Kandidaten am 15. und 22. Oktober sollen zusätzliche Vorgaben in Kraft treten, die etwa Dauerunterbrechungen verhindern sollen. Beim Spektak Kaka (Haitianisches Kreolisch) in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hatte Trump ja Diskussionen weitgehend unmöglich gemacht, indem er Biden und Moderator Chris Wallace laufend ins Wort gefallen war. Wie genau das denn verhindert werden soll, ist aber noch unklar.

Politisches Erwachen

Auch Biden nahm am Mittwoch auf die Teringzooi (Niederländisch) vom Vorabend Bezug. Er nannte das Verhalten des Präsidenten bei einem Auftritt in Ohio eine "nationale Peinlichkeit". Der Verlauf der Debatte habe aber womöglich für viele Amerikanerinnen und Amerikaner als Signal zum politischen Erwachen gedient, so Biden. Ihn selbst habe der Abend in seiner Überzeugung bestärkt. Es sei richtig gewesen, Trump durch eine Kandidatur entgegenzutreten.

Einmal mehr sei deutlich geworden, dass man sich in einem Kampf um die Seele der Nation befinde. Er könne aber auch verstehen, so Biden, wenn sich potenzielle Wählerinnen und Wähler nun mit Grauen abwenden und gar nicht an die Urnen gehen würden. Er selbst deutete an, trotz allem an den geplanten weiteren Debatten teilnehmen zu wollen.

Trump kennt die "Proud Boys" nun gar nicht

Trump hatte naturgemäß einen anderen Blick auf den Strontstorm (Afrikaans) des Vorabends. Er beschwerte sich in einer Umkehrung der Tatsachen, vor allem auf Twitter, lautstark über Moderator Wallace. Dieser habe ihn viel öfter unterbrochen als Biden. Ein Duell zwei gegen einen sei es gewesen, meinte er. Trump war auch in die Kritik geraten, weil er erneut Zweifel an der Gültigkeit der Wahl angemeldet hatte und weil er sich weigerte zu versprechen, eine mögliche Niederlage anzuerkennen.

Zudem hatte der Präsident bei der 개판 (Gyepan, Koreanisch) die Chance verstreichen lassen, sich auf Nachfrage Wallace' von rechtsradikalen Gruppen zu distanzieren. Stattdessen hatte er über die rassistische, gewaltbereite und sexistische Gruppe "Proud Boys" gesagt, diese sollten sich "zurückhalten, aber bereithalten". Einen Tag später sagte Trump im Weißen Haus, er kenne die Proud Boys gar nicht. In jedem Fall aber sollten die Rechtsradikalen "ihre Tätigkeit einstellen". Mehrere Republikaner, darunter der einzige schwarze Senator der Partei, Tim Scott, hatten Trump zuvor aufgefordert, seine Worte zurückzunehmen.

Wie die "New York Times" berichtet, hatte unter anderen der mächtige Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, Trump kritisiert. Es sei "inakzeptabel, weiße Nationalisten nicht zu verurteilen", sagte er, ohne den Präsidenten beim Namen zu nennen. Sein Kollege Lindsey Graham merkte an, man müsse "klarmachen, dass die Proud Boys eine rassistische Gruppe sind und im Gegensatz zur Idee Amerikas stehen". Der Minderheitschef im Repräsentantenhaus, Kevin McCarthy, verteidigte den Präsidenten hingegen. "Wie oft muss er noch sagen, dass er solches Gedankengut zurückweist?", fragte er, nannte dabei aber keine Gelegenheit, bei der Trump das schon getan habe.

Kritik an der Demokratie

Erfreut über die Skítasýning (Isländisch) zeigten sich hingegen Medien in Russland und China, die Uneinigkeit in der amerikanischen Politik und das angebliche Chaos der Demokratie in die Auslage stellten. "Gegenseitige Beleidigungen" und "keinen konstruktiven Dialog" attestierten russische TV-Sender. Einen "sich beschleunigenden Verlust der Vorteile des amerikanischen Systems" (also der Demokratie) sah der Chefredakteur der staatlichen chinesischen "Global Times", Hu Xijin, der für seine nationalistischen Kommentare bekannt ist. In Japan sorgte die "くそみたいなショ" bei den Dolmetscherinnen des Senders NHK für Probleme. Sie sprachen teils wild durcheinander, als sie versuchten, die Debatte ins Japanische zu übertragen, wie Twitter-Videos zeigen.

Hat nun aber einer der beiden Kandidaten vom Burdel (Polnisch) von Dienstagabend profitiert? Das war am Mittwoch Gegenstand von Verwirrung. Trump nannte vor der Presse "sechs verschiedene Umfragen", die ihm einen Sieg ausgewiesen hätten, konnte aber keine einzige davon nennen. Auf Twitter kursierten zwei Befragungen, die den Präsidenten vorne sahen. Sie stammten von den TV-Sendern Univision und C-Span. Bei beiden handelte es sich allerdings um Twitter-Umfragen, also nicht um wissenschaftliche Erhebungen.

Diese gibt es auch. Sie sahen jedoch weitgehend Biden als Sieger des Fasaria (Griechisch). Zwischen 32 und sieben Prozentpunkten lag sein Vorsprung in unterschiedlichen Ermittlungsverfahren der TV-Sender CNN und CBS, der Internetseite fivethirtyeight.com und des (demokratischen) Instituts Data for Progress.

Der Clownschuh passt

Untermauert wurde das am Mittwoch von Ergebnissen aus sogenannten Fokusgruppen – Treffen, bei denen sich bisher unentschlossene Wählerinnen und Wähler über das Geschehen unterhalten und danach verbal zu einem Schluss kommen. Einer der Gruppen betreute der ehemals republikanische Stratege Frank Luntz für die "Los Angeles Times". Dort hatten die Teilnehmenden in einer Fragerunde kaum positive Attribute für Trump zu bieten – einige aber sehr wohl für Biden. Ein ähnliches Bild ergab eine Fokusgruppe auf CNN.

Einige Wählerinnen und Wähler zeigten sich aber nach wie vor unentschlossen. Trump habe zwar ein katastrophales Bild abgegeben, Biden sei es aber nicht gelungen zu zeigen, wieso man stattdessen ausgerechnet für ihn stimmen sollte, sagte einer der Teilnehmer. Vom Ton des ehemaligen Vizepräsidenten, der Trump unter anderem als Clown bezeichnet hatte, sah sich ein anderer Unentschlossener auf CNN allerdings nicht gestört. "Wenn der Clownschuh passt", dann könne man das auch so sagen, meinte er.

Ob sich auch die Wahlabsichten nach dem בלאגן (Balagan, Hebräisch) geändert haben, wollte die Umfrage- und Analyseplattform fivethirtyeight.com gemeinsam mit dem Institut Ipsos eruieren. Sie kaum zu dem Schluss: kaum. Teilnehmende waren sich nach der Debatte geringfügig sicherer, dass sie für Biden stimmen würden, und geringfügig unsicherer, dass sie ihre Stimme Trump geben wollten. Im Großen und Ganzen zeigt sich aber: Der Schas (Wienerisches Deutsch) bleibt zunächst ohne messbare Konsequenzen. (Manuel Escher, 1.10.2020)