Alexej Nawalny wirft Wladimir Putin vor, hinter dem Mordanschlag auf ihn zu stehen.

Foto: Reuters / Shamil Zhumatov

Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" hat am Donnerstag das erste Interview mit dem russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny nach dessen Vergiftung veröffentlicht. Er berichtet darin über seinen Gesundheitszustand und seinen anschließendem Krankenhausaufenthalt in Deutschland. Im Gespräch belastet er Russlands Präsidenten Wladimir Putin: "Ich behaupte, dass hinter der Tat Putin steht, und andere Versionen des Tathergangs habe ich nicht." Dort hingegen bezeichnet man Nawalny als "impertinenten Schuft", dem Putin "das Leben gerettet" habe, indem er ihn habe ausreisen lassen.

Das deutsche Magazin beschreibt im Vortext des Interviews derweil auch den Zustand des Kreml-Kritikers. Dieser wirke aufgedreht und scherze viel, allerdings sei seine körperliche Situation noch so schlecht, dass er beim Einschenken eines Schlucks Wasser deutlich gezittert habe. Nawalny selbst sagt, er mache nun "Übungen, wie sie irgendwelche Neunzigjährigen im Park machen", um seine Koordinationsfähigkeit wiederzuerlangen. Er könne mittlerweile aber wieder Stiegen steigen und neuerdings auch auf einem Bein stehen, berichtet er. Ob er körperlich wieder zu hundert Prozent hergestellt werden könne, wüssten er und die Ärzte noch nicht. "Es gibt ja nicht so viele Leute, denen man zusehen kann, wie sie nach der Vergiftung mit einem Nevenkampfstoff weiterleben."

Verkettung glücklicher Umstände

Nawalny, so der "Spiegel", werde zudem nun rund um die Uhr von Personenschützern begleitet. Über seine Vergiftung berichtet er, er habe sich im Flugzeug, das ihn Ende August von der sibirischen Stadt Omsk nach Moskau hätte bringen sollen, plötzlich unwohl gefühlt, sich nicht mehr konzentrieren können und kalten Schweiß gespürt. "Du fühlst keinen Schmerz, aber du weißt, dass du stirbst", sagt er, einem Flugbegleiter habe er im Flugzeug noch gesagt: "Man hat mich vergiftet, ich sterbe", bevor er das Bewusstsein verloren habe. Geschrien habe er im Flugzeug daher auch nicht vor Schmerzen, sondern weil er den Eindruck gehabt habe, der Tod komme auf ihn zu.

Wie genau er in Omsk vergiftet worden sei, wisse er nicht. Er vermute, eine vergiftete Oberfläche berührt zu haben, sein Überleben schreibt er "einer Verkettung glücklicher Umstände" zu: der Notlandung in Omsk und der schnellen Gabe von Atropin durch das Krankenhauspersonal. Der Plan des Kreml sei seiner Einschätzung nach einfach gewesen, ihn im Flugzeug sterben zu lassen. "Es wäre einfach ein verdächtiger Tod gewesen", die Vergiftung mit Nowitschok, das nur von staatlichen Laboren hergestellt wird, hätte man kaum nachweisen können.

Keine Realityshow "Nawalny stirbt in Omsk"

Putin und dessen Regierung macht er anhand von Indizien für die Tat verantwortlich, von deutschen Behörden habe er nicht mehr erfahren als das, was auch den Medien bekannt sei. Ein Befehl für den Einsatz von Nowitschok könne in Russland aber nur von zwei oder drei Personen kommen, so Nawalny: dem Chef des Inlandsgeheimdiensts FSB, Alexander Bortnikow, jenem des Auslandsgeheimdiensts SWR, Sergej Naryschkin, sowie dem Direktor des Militärgeheimdiensts GRU, Igor Kostjukow. Kenne man "die russische Wirklichkeit", dann wisse man aber: In allen drei Fällen wüsste Putin zumindest Bescheid. Dass man ihn trotzdem habe ausreisen lassen, liege daran, dass man "keine Realityshow mit dem Titel 'Nawalny stirbt in Omsk' produzieren" habe wollen. Wäre dies geschehen, hätte Russland eindeutig öffentliche Verantwortung für seinen Tod getragen und ihm so politisches Kapital verschafft. Das habe man vermeiden wollen, vermutet er. Der Kreml sei zudem in Angst, meint Nawalny, wegen der Proteste in Belarus (Weißrussland) und jenen im ostsibirischen Chabarowsk, die immer noch anhalten.

In jedem Fall, so Nawalny, sei sehr zu hoffen, dass sich die Geschichte so oder ähnlich abgespielt habe. Mit einem Becher Nowitschok könne man "alle Passagiere in einer großen Berliner U-Bahn-Station vergiften. Wenn der Zugang zum Kampfstoff nicht bei drei Leuten liegt, sondern bei 30, dann ist der eine globale Bedrohung." Nach Russland zurückkehren, sagt der Politiker, wolle er aber trotz der Gefahren: "Meine Aufgabe ist jetzt, der Typ zu bleiben, der keine Angst hat. Und ich habe keine Angst!" Über seine eigene Verortung sagte Nawalny, er passe nicht in Schablonen von rechts oder links. Er unterstütze alle, die "im Kern antiautoritäre Positionen vertreten". Daher sehe er auch keinen Widerspruch darin, Gewerkschaften zu fördern – was er als linkes Projekt betrachtet – und "eine Visapflicht für Migranten aus Zentralasien zu fordern". Letzteres ist ein Wunsch der russischen Rechtsnationalisten, deren Verbindungen zu Nawalny auch der Kreml immer wieder betont.

Schlechte Rezensionen in Moskau

In Moskau kam das Interview gar nicht gut an. Duma-Chef Wjatscheslaw Wolodin bezeichnete den Oppositionspolitiker als "impertinenten Schuft" und erklärte: "Putin hat ihm das Leben gerettet." Immerhin räumte er anschließend ein, dass Nawalnys Überleben zum Teil auch ein Verdienst des Piloten, der das Flugzeug notgelandet hatte, und der Ärzte in Omsk, die Nawalny Atropin spritzten, gewesen sei.

Laut Wolodin ist die Vergiftung eine Inszenierung westlicher Geheimdienste, in deren Diensten der Oppositionelle seiner Ansicht nach auch steht. Dafür spricht nach Meinung des Duma-Chefs, dass der deutsche Bundestag keine gemeinsame Arbeitsgruppe mit dem russischen Parlament bilden wolle. Ähnliche Vorwürfe hatte zuvor schon das russische Außenministerium gegenüber Berlin geäußert. Zudem kritisierte das russische Außenamt auch die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) als "voreingenommen". Darum bezweifle Moskau nicht, dass die Organisation Nowitschok in den Nawalny-Proben "finden" werde, heißt es in der Stellungnahme der Behörde.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte am Donnerstag in Moskau, Nawalny werde von Spezialisten der CIA angeleitet. (rio, mesc, ab, 1.10.2020)