Finnische Soldaten bergen Opfer des Unglücks.

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Zuerst wurde die abgerissene Bugtür für den Untergang verantwortlich gemacht.

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Filmemacher entdeckten ein Loch im Rumpf des Wracks.

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Es ist eines der größten Schifffahrtsunglücke in der europäischen Geschichte: Die Fähre Estonia sank am 28. September 1994 auf ihrem Weg von der estnische Hauptstadt Tallinn nach Stockholm vor der finnischen Küste. In weniger als einer Stunde war das riesige Schiff untergegangen, das den Namen des unabhängigen Estlands trug – als stolzes Zeichen der Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepublik. 852 Menschen aus 17 Ländern starben, nur 137 Personen überlebten. Die meisten der Toten waren Schweden und Esten.

Ein heftiger Sturm hatte das Fährschiff erfasst, und eine offizielle Untersuchung nach dem Unglück ergab, dass die Bugtür durch die stürmische See abgerissen worden war und so das Autodeck überflutet wurde. Im Jahr 2008 kam eine weitere Untersuchung zu dem Schluss, dass die Estonia im wogenden Wasser zu schnell unterwegs war und die Besatzung einen schwerwiegenden Fehler gemacht hatte: Sie versuchte das Schiff durch eine Wende zu retten, doch dadurch kenterte es.

Loch entdeckt

Doch am Montag wurde der erste von fünf Teilen einer neuen Dokumentation über den Untergang der Estonia in Skandinavien und Finnland ausgestrahlt. Darin zu sehen ist Videomaterial von einem großen Loch im Rumpf des Wracks, das die Filmemacher entdeckt hatten. Es misst etwa vier mal einen Meter. Das soll nun nahelegen, dass die Fähre von einem schweren Objekt, das sich langsam im Wasser bewegt hat, getroffen worden ist.

Die Regierungen von Estland, Finnland und Schweden veröffentlichten daraufhin eine gemeinsame Erklärung, worin sie die Untersuchung der neuen Erkenntnisse ankündigten. Die Angehörigen der Toten und die Überlebenden des Unglücks fordern bereits seit Jahren eine anständige Prüfung.

Untersuchungen am Wrack verboten

Die Leichen an Bord der Estonia wurden nie geborgen, sondern im Wrack belassen. Schweden wollte daraufhin das gesunkene Schiff mit einer dicken Schicht aus Beton zu einem Unterwassermausoleum machen, doch die Familien der Opfer wehrten sich. Deshalb wurde das Gebiet rund um das Wrack im Jahr 1995 zu einem Meeresgrab und durfte nicht weiter untersucht werden – bei einer Missachtung drohen bis zu zwei Jahre Haft.

Doch die beiden Filmemacher Henrik Evertsson und Bendik Mondal setzten sich über das Verbot hinweg, nachdem sie auf einige Ungereimtheiten in der offiziellen Untersuchung gestoßen waren. Unter anderem waren die Überlebenden nicht ausführlich befragt worden. Bei dem Unglück spürten die Menschen an Bord eine heftige Erschütterung – was nicht zur Theorie des Kenterns aufgrund von hohem Wellengang passte. Ein norwegischer Experte sprach schließlich davon, dass die Estonia von einem schweren Objekt mit 1.000 bis 5.000 Tonnen Gewicht getroffen worden sein müsste.

U-Boot als mögliche Ursache

Daraufhin tauchten die Filmemacher mit einer Unterwasserkamera zum Wrack. Sie drangen aber nicht in das Schiff ein, um die Totenruhe nicht zu stören. Dann entdeckten sie das Loch im Rumpf. Margus Kulm, der die Ermittlungen für die estnische Regierung geleitet hat, wird daraufhin im staatlichen Fernsehen zitiert, dass ein U-Boot für den Untergang der Fähre verantwortlich gewesen sein könnte. (bbl, 1.10.2020)