"Nur" 493 Tage nach der Wahl nun Premier: Alexander de Croo.

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Es hat seit dem Wahltag 493 Tage gedauert, bis sich die Verhandler der Parteien in Belgien auf eine neue Regierung geeinigt haben. Am Donnerstag übernahm der 44-jährige Alexander de Croo, bisher Finanzminister, das Amt des Regierungschefs. Der Liberale (Open VLD) aus dem nördlichen Landesteil Flandern führt eine Koalition aus sieben Parteien an: nach deren Farben, Blau, Grün, Gelb und Rot, die an die vier Jahreszeiten erinnern, Vivaldi-Koalition getauft. Sie erinnert an die Regenbogenkoalition im Jahr 1999, vom Liberalen Guy Verhofstadt gebildet.

Er hat das hochverschuldete Land aus der Krise geführt. De Croo, Sohn des früheren Vielfachministers Herman de Croo, gelang es, neben den Liberalen aus der südlichen Wallonie auch Sozialdemokraten und Grüne in beiden Landesteilen an Bord zu holen, ebenso die flämischen Christdemokraten.

Ökologischer Modernisierungskurs

Bedenkt man, dass die Wahlen im Mai 2019 stattfanden, hat es bis zur Regierungsbildung äußerst lang gedauert. Unregierbar ist das in drei Sprachregionen unterteilte, föderale Königreich nicht. Der Rekord von 2010 wurde verfehlt, es dauerte damals 541 Tage bis zur Koalitionsbildung. Übergangskabinette waren tragfähig, zuletzt das von Sophie Wilmés in der Corona-Krise. Parteiadel gibt Stabilität: Ex-Premier Charles Michel, heute Ständiger EU-Ratspräsident, war wie de Croo Sohn eines prominenten Liberalen, von Louis Michel, lange Außenminister.

Von de Croo ist ein ökologischer Modernisierungkurs zu erwarten, wie in der Brüsseler Stadtregierung seit 2019. Nicht zum Zug kam erneut die Nationale Flämische Allianz (NVA), die in Flandern stärkste Partei ist. Sie setzt auf regionalen Chauvinismus und treibt die Spaltung von der ärmeren Wallonie im Süden an. (Thomas Mayer, 1.10.2020)