Gefangene hat sie keine gemacht: Vor 50 Jahren starb das Hippie-Idol Janis Joplin – ihr Erbe ist eine Mischung aus immergrüner Kunst und unbeugsamer Haltung.

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Einmal stauchte sie ein paar Hells Angels zusammen. Die standen plötzlich nachts bei ihr in der Küche und plünderten den Kühlschrank, bullige Typen mit Pistolen in den Gürteln. Joplin schmiss sie aus dem Haus. Ein anderes Mal, in Florida, betrat ein Polizist noch während ihres Auftritts die Bühne und wollte Sperrstunde machen. Joplin beschimpfte ihn durchs Mikrofon als Arschloch, er solle sich zum Teufel scheren.

Während die Hells Angels am nächsten Tag mit Einkaufstaschen voller Fresszeug Reue zeigten, kassierte sie in Florida ein paar Stunden Knast und eine Geldstrafe. Gemüse oder Gefängnis – Janis Joplin nahm’s, wie’s kam.

Jahre bevor Lou Reed "Hey babe, take a walk on the wild side" sang, war Joplin schon da. Sie war die wilde Gretl der Flower-Power-Ära. Ein Landei, das wider alle Prophezeiungen seinen Weg gemacht hat. Auf dem hat sie keine Konfrontation gescheut; außer gebrochenen Herzen und erbrochenen Mageninhalten hatte sie wenige Schadensmeldungen zu verzeichnen – und dann doch einen Totalschaden.

Am 4. Oktober jährt sich der Todestag von Janis Joplin zum 50. Mal. Damals setzte sie sich in einem Hotelzimmer in Los Angeles einen Schuss. Was sie nicht wusste: Der Stoff war nicht das übliche zehnprozentige Heroin, er besaß einen Reinheitsgrad von 40 bis 50 Prozent. Dieses China White genannte Zeug "brachte ihren Herzschlag und die Lungenfunktion zum Stillstand, und sie starb", schreibt Holly George-Warren in ihrer 2019 erschienenen Joplin-Biografie Nothing Left to Lose.

Unorthodoxe Entscheidung

Joplin war für die Aufnahmen eines Albums in Los Angeles gewesen. Als dieses Pearl genannte Werk vier Monate nach ihrem Tod erschien, stand es neun Wochen lang auf Platz eins der Charts, verkaufte sich vier Millionen Mal und bietet mit Me and Bobby McGee,Mercedes Benz oder Cry Baby einige der Songs, die das kollektive Gedächtnis immer mit ihr in Verbindung bringen wird.

Janis Joplin wurde 27 Jahre alt. Jimi Hendrix war kurz vorher im selben Alter an Erbrochenem erstickt, neun Monate später war die Dosis für Jim Morrison zu hoch, er trat ebenfalls dem Club 27 bei. So heißt ein fiktiver Verein von Prominenten, die in nämlichem Alter in die Ewigkeit eingehen. Mitgliedschaft erlangten später auch Kurt Cobain oder Amy Winehouse.

Die am 19. Jänner 1943 geborene Janis Lyn Joplin gilt bis heute vielen Frauen als Vorbild. Sie war eine Real-Life-Pippi-Langstrumpf, die ihr Ding durchgezogen hat. Zumal im Popgeschäft, einer Männerdomäne; zumal mit einer Musik, die ihr nicht gerade in die Wiege gelegt worden war: Joplin wurde über ihre Liebe zum Blues ein Star, mit einer an ihrem hemmungslosen Lebensstil geeichten Stimme. Das war ein ziemlich unorthodoxer Lebensentwurf für ein weißes Mädchen aus einem rassengetrennten Kaff in Südtexas.

Wild und selbstbewusst

Heute würde ihr die politische Korrektheit wohl die Legitimität dazu absprechen, das Gewese der kulturellen Aneignung ins Spiel bringen und dabei wie üblich jene außen vor lassen, die es, wenn schon, wirklich beträfe: die Schwarzen.

Doch die hatten keine Probleme damit, dass ein White Boy wie Elvis ihre Musik spielte. Der Musiker und DJ Rufus Thomas war einer der Ersten, die ihn in einem schwarzen Sender spielten. Dann hat man es ihm verboten, und er hat ihn trotzdem gespielt. B. B. King tat dasselbe, sogar Howlin’ Wolf war begeistert. Alle erkannten es richtig als Wertschätzung ihrer Kunst.

Ähnlich erging es Joplin. Sie wurde von Bessie Smith zum Blues verführt und war fasziniert von der weiblichen Perspektive, die Smith ihren Songs verlieh. Die Musik war wild und selbstbewusst – Attribute, die Popmusik Frauen in den 1960ern kaum zugestand.

Und wie Elvis erwies Joplin ihren Idolen stets die Ehre: Sie pries Etta James, Aretha Franklin, Billie Holiday, Otis Redding, Odetta, Big Mama Thornton oder Nina Simone, die die Anerkennung allesamt erwiderten. Bis auf Bessie Smith, die war tot.

Janis Joplin 1968 in Deutschland.
ender cañizalez

So wie Elvis vom Zeitgeist der 1950er-Jahre begünstigt war, spürte Joplin die gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er-Jahre. Früh galt sie als Sonderling und wurde wegen ihres Äußeren einmal gar zum hässlichsten Typen ihrer Schule gewählt – als Mädchen!

Solche Vorfälle forcierten die Entfremdung von ihrer Umgebung, gleichzeitig blieb sie stets zerrissen zwischen den bürgerlichen Erwartungen und der Abscheu davor. Selbst als sie schon erfolgreich war, haderte sie noch damit, den Vorstellungen der Eltern nicht entsprochen zu haben. Das geht aus Briefen an ihre Familie hervor, auf die Holly George-Warren für Nothing Left to Lose Zugriff hatte.

Weißes Girl in schwarzen Clubs

Bald entfloh sie ihrer Heimatstadt und tingelte mit Freunden ins nahe Beaumont, wo sie schwarze Musikclubs besuchte. Manchmal traf sie dort die ebenfalls aus Port Arthur stammenden Winter-Brüder Johnny und Edgar, zwei wie sie vom Blues Verführte, wie sie weißer nicht sein konnten.

Bald wurde ihr Radius größer, erfasste New Orleans und Austin. In Austin wollte sie studieren und wie Robert Rauschenberg werden. Das sagte sie, um ihre Eltern zu überzeugen. Der Künstler stammte ebenfalls aus ihrer Heimatstadt.

Toxische Renitenz

Doch in Austin ging sie nicht der Malerei nach, sie kultivierte eine toxische Renitenz – zuerst noch mit Schnaps. Sie schlitterte in Auseinandersetzungen, die ihr öfter als einmal Blessuren bescherten. Umgekehrt waren ihren Kontrahenten diese Begegnungen ebenfalls anzusehen, da war Joplin mehr Punk als Hippie.

Das änderte sich auch nicht, als sie 1963 nach San Francisco ging, die freie Liebe lebte und vom Schnaps über Amphetamine und Koks beim Heroin landete. Und immer öfter sang.

Damalige Freundinnen beschrieben sie als "stur wie ein Ochse", als eine, die mit Jeans und Waschbärenmütze aussah, als käme sie gerade vom Fallenstellen. Aber nur so nimmt man es nachts in der Küche mit den Hells Angels auf.

Die eigentliche Sensation

Als es mit den Drogen zu heftig wurde, ging sie zurück nach Hause und ließ sich aufpäppeln. Ein letztes Mal überlegte sie ein bürgerliches Lebens – doch dann wurde sie von Big Brother and the Holding Company als Sängerin rekrutiert und kehrte zum Schrecken ihrer Eltern zurück nach San Francisco. Das war im Sommer 1966, und bald wurde die Band eine lokale Sensation. 1967 erschien das erste Album, es folgten Tourneen, Joplin konnte es kaum fassen.

Alexandre Felipe Présente

1968 erschien Cheap Thrills mit dem berühmt gewordenen Cover des Cartoonisten Robert Crumb. Allein die Vorbestellungen brachten das Album auf Platz eins der Charts, Interpretationen von Songs wie Summertime, Ball and Chain oder Piece of My Heart lösten den Vorschusslorbeer ein. Doch bald war klar, dass die Band ihr mehr Klotz am Bein als Unterstützung war: Die eigentliche Sensation, das war allen klar, war Joplin.

Eine Zeitlang schob sie das beiseite, war dennoch glücklich. Sie war angekommen in einem Leben, das sie ersehnt hatte. Live zu spielen war ihre Erfüllung, sich vor Publikum im Blues zu versenken war alles für sie. "Janis hatte nicht nur ihren Platz gefunden, schreibt George-Warren, "sondern auch ihr wahres Ich."

Ein Rohdiamant

Der Rest war das heitere Leben eines frischgebackenen Rockstars. Life erdachte für dieses Lebensgefühl 1969 die Chiffre "Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll". In dem Jahr trennte sie sich von der Holding Company und veröffentlichte IGot Dem Ol’ Kozmic Blues Again Mama!. Mit Songs wie Try (Just a Little Bit Harder) blitzte eine neue Klasse auf; Joplin war immer noch ein Rohdiamant, der sich mit Bläsern in ihrer Kozmic Blues Band in Richtung Soul orientierte.

Es war ein wildes Jahr mit amourösen Höhen und Tiefen, dem Festivalauftritt in Woodstock, Drogen und einer schicksalhaften Begegnung: Ihr Freund Bob Neuwirth spielte ihr den Song Me and Bobby McGee vor – und stand bald mit dem Autor des Lieds in Joplins Tür. Kris Kristofferson schrieb jenen Titel, der ihr berühmtester werden sollte. Die beiden verstanden sich prächtig, obwohl der wilde Hund ihre feine Bettwäsche mit seinen Cowboystiefeln ruinierte.

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Doch den Erfolg des Songs erlebte sie nicht mehr. Sie erlebte nicht die vielen Frauen, die, von ihr inspiriert, ebenfalls Karriere im Musikgeschäft machten. Sie erlebte nicht die zahllosen posthumen Würdigungen in Songs von Leonard Cohen, John Lee Hooker oder Jane Birkin und nicht den Oscar-prämierten Film The Rose, dem ihr Leben Vorlage war.

Doch so wie in fast jedem Rocker mit Gitarre im Anschlag der Keim der frühen Rock-’n’-Roller neu erblüht, so ist in fast jeder Frau, die da oben auf der Bühne ihr Innerstes nach außen trägt, das Erbe der Janis Joplin präsent. Auch wenn es nicht allzu viele gibt, die ihr dabei nahe kommen.

Ihr eigenes Leben war schnell, viel zu schnell, wieder vorbei. Doch die Türe, die sie anderen damit aufgestoßen hat, die hat sich nie wieder geschlossen. (Karl Fluch, 4.10.2020)