Persönliche Gespräche sind rar geworden. Gepunktet werden muss schon vorher, aber auch für das Videointerview gibt es Tipps, um aufzufallen.

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Noch immer bereiten sich Jungakademiker zu wenig auf ein Bewerbungsgespräch vor. Daran hat auch die Corona-Pandemie nichts verändert, sagt Florian Märzendorf, geschäftsführender Gesellschafter des Linzer Start-ups für Finanz und Karriereplanung Fip.S. Nur das ist jetzt fatal: "Es gibt weniger Jobs. Wer jetzt eine 08/15-Bewerbung abliefert und blauäugig in ein Gespräch geht, hat noch ein größeres Problem, sich von anderen Bewerbern abzuheben, als noch vor sechs Monaten." Umso wichtiger sei es jetzt, mit den Bewerbungsunterlagen hervorzustechen, um überhaupt bis zum Gespräch zu kommen. Dafür müsse sich, so Märzendorfer, "jede Zeile ihren Platz auf den Bewerbungsschreiben verdienen". Es bringe wenig, in zwei Tagen 70 Bewerbungen zu verschicken und sich dafür keine Zeit zu nehmen. Außerdem wolle man auch in der Krise im ersten Schritt nicht irgendeinen Job.

Der "Ich-ich-Fehler"

Viele Bewerber begingen oft den "Ich-ich-Fehler", sie seien zu stark auf sich fokussiert. Man müsse recherchieren und wissen, welche Mitarbeitereigenschaften das Unternehmen jetzt brauche. Viele Jobsuchende seien nach wie vor der Meinung, dass der Lebenslauf für jedes Unternehmen gleich sei und nur das Anschreiben angepasst werden müsse. Im Lebenslauf soll transportiert werden, warum einen das Unternehmen einstellen soll. Selbst wenn Unternehmen nur den Lebenslauf verlangen, rät Märzendorfer, immer ein Bewerbungsschreiben mitzuschicken. "Wenn ich darin drei Gründe anführe, warum sie mich nehmen sollen und den Personalverantwortlichen damit abhole, dann ist das ein Riesenfaktor, wie ich es ins Gespräch schaffen kann."

Hörer in die Hand nehmen

Was fast niemand mehr mache und großen Eindruck bei Unternehmen hinterlasse, sei, vorab anzurufen. So komme man an Zusatzinfos für seine Bewerbungsunterlagen, verschaffe sich einen ersten Kontakt und bleibe im Gedächtnis. Damit steche man bereits vor dem Gespräch hervor, meint der Karriereexperte. Interessant sei es auch, über Social-Network-Plattformen wie Linkedin oder Xing Kontakte ins Unternehmen zu knüpfen. Spannend seien Kontakte zu Personen, die nicht mehr im Unternehmen arbeiten, da erfahre man wirklich, was dort laufe.

Bekomme man nur Absagen, sei es ratsam, die Unterlagen noch einmal dahingehend zu prüfen, ob diese wirklich hochwertig sind. In 85 Prozent der Fälle bekomme man aber laut Märzendorfer Antworten ohne konkrete Aussagen zu einer Absage, wie: Man habe jemanden mit besseren Qualifikationen gefunden etc. Dies könne man ignorieren, aber wenn man Feedback bekomme, was im Lebenslauf abgeschreckt habe, sei das wertvoll für die Verbesserung der Unterlagen.

Hat man es bis ins Bewerbungsgespräch geschafft, kommt es nun darauf an, mit authentischen Beispielen seine Eigenschaften zu untermauern, die für das Unternehmen relevant sind. Der Karriereexperte spricht hier von einem Story-Portfolio. Wie eine Grafikerin ihre besten Werke gesammelt hat, solle man sich als Bewerber Storys zu seinen größten Stärken, seinen Schwächen, seinen größten Erfolgen sowie Niederlagen –und was man aus diesen gelernt habe – anlegen. An die 20 bis 30 dieser Geschichten sollte man auf Lager haben, damit schaffe man 80 bis 90 Prozent der Fragen im Vorstellungsgespräch. "Unsere Klienten melden uns zurück, dass ihnen dies Angst genommen hat und sie damit gut durch das Gespräch kommen."

Geschichten aufschreiben

Märzendorfer rät, sich einen Monat jeden Tag für 20 Minuten die Zeit zu nehmen, eine Geschichte niederzuschreiben und diese dann bei Freunden oder Studienkollegen zu testen. Zwei Drittel der Storys könne aus dem Arbeitsumfeld kommen, ein Drittel aus dem privaten Bereich. Je mehr Details, desto authentischer. Sollte man keine Arbeitserfahrung haben, bringe man Beispiele von der Uni. Wichtig sei nicht auswendig lernen, sonst klinge man wie ein Roboter. Und: nicht lügen.

Noch immer werden gerade von Absolventen keine Fragen im Gespräch gestellt. Märzendorfer rät, den Recruiter mit folgender Frage zu überraschen – vorausgesetzt, das Gespräch ist gut verlaufen: "Was muss in einem Jahr passiert sein, damit Sie sagen: Mich einzustellen war die beste Entscheidung?" Dies könne das i-Tüpfelchen sein, damit das Unternehmen nicht einmal daran denkt, jemand anderen einzustellen. (7.10.2020)