Was ist, wenn sozialer Kontakt im Lockdown nicht möglich ist?

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In my solitude / You haunt me / With dreadful ease / Of days gone by // In my solitude / you taunt me / with memories / that never die // I sit in my chair / and filled with despair / there’s no one that could be so sad / with gloom everywhere// I sit and I stare / I know that I’ll soon go mad.

"In meiner Einsamkeit verfolgst du mich mit schrecklicher Leichtigkeit vergangener Tage. (...) Du verhöhnst mich mit Erinnerungen, die niemals sterben. (...) Ich sitze und starre, ich weiß, dass ich bald verrückt werde."

Duke Ellington hat den klagenden, ziehenden Song In My Solitude in den 1930er-Jahren geschrieben. Fast alle Größen des Jazz haben ihn gesungen, am herzzerreißendsten wahrscheinlich Billie Holiday.

Es geht um verlorene Liebe, aber wahrscheinlich um mehr, um tiefe, existenzielle Einsamkeit.

Das war für viele schon vor Corona so. Nach einer Schätzung des ärztlichen Leiters der Caritas der Erzdiözese Wien, Thomas Wochele-Thoma, hatten schon vor Corona rund 370.000 Menschen in Österreich niemanden, mit dem sie reden können. Niemanden. Keine sozialen Kontakte, keine Gespräche, und sei es Smalltalk. Keine Möglichkeit, sich auszutauschen.

Manchmal kann man diese einsamen Seelen sogar im Alltag erkennen: Der ältere Herr, die ältere Dame, die die unwillige Verkäuferin hinter der Budel, hinter der Supermarktkasse in ein Gespräch zu verwickeln versucht, während hinten die anderen ungeduldig mit den Füßen scharren.

Aufmerksamkeit bekommen

Oder, eine Erkenntnis aus dem öffentlichen Leben: Viele jener Menschen, die ziemlich aggressive Botschaften an Politiker und Journalisten schicken – sie sind wie verwandelt, wenn man ihnen antwortet: "Ich hätte nie gedacht, dass Sie reagieren werden", kommt dann oft zurück. Die Aggression ist oft der Versuch, Aufmerksamkeit zu bekommen, die Bestätigung, dass irgendwer zur Kenntnis nimmt, dass es einen gibt.

Das hat auch eine politische Dimension. Eine ziemlich plausible Theorie besagt, dass das Hauptmotiv der Wähler von Erscheinungen wie Donald Trump sozusagen die Einsamkeit ihrer Lebenssituation ist. Ihre Welt zerbricht – Globalisierung, Migration, freche Feministinnen. Sie fühlen sich vollkommen alleingelassen von der "normalen" Politik. Sie wissen, dass Trump ein Scharlatan ist, aber er verspricht wenigstens, das "liberale Establishment" zu zerstören.

"Soziale Isolation und Einsamkeit waren schon vor Corona ein drängendes Problem", sagt Dr. Wochele-Thoma. "Wenn wir Menschen aus nachvollziehbaren Gründen dann raten, ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, dann bedeutet das für viele, dass sie gar keine Sozialkontakte mehr haben."

Zwei verschiedene Wellen

Ulrike Schmidt, Stellvertretende Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn, sieht überhaupt zwei verschiedene Wellen der Pandemie: "Die erste ist die Welle der Infektionen. Danach kommt die Welle von Menschen, die aufgrund der Pandemie psychische Belastungen und Traumata erlitten haben."

Kann es sein, dass sich Corona zu einem gigantischen psychosozialen Experiment auswächst? Niemand weiß, welche sozialen Spannungen und Verwerfungen noch bevorstehen. Es wird nicht so schaurig werden wie bei der mittelalterlichen Pest mit ihren Geißelungsumzügen und Hexenverbrennungen, wie sie Ingmar Bergman in seinem Meisterwerk Das siebente Siegel in unvergessliche Bilder gesetzt hat. Oder kann man die Demos der Corona-Leugner als moderne Entsprechung sehen?

Aber eines steht fest: Einsamkeit und fehlende soziale Kontakte machen krank. Depressionen, Schlaflosigkeit, auch Herz-Kreislauf-Probleme sind die Folge. "Kaspar Hauser", der im 19. Jahrhundert angeblich seit frühester Kindheit isoliert war, musste ein Schwindler gewesen sein, denn er hätte das unmöglich überlebt. Nach jahrzehntelanger Isolationshaft freigelassene Häftlinge weisen schwere neurologische Schäden auf.

Zustand des Alleinseins

Einsamkeit und soziale Isolation sind allerdings nicht dasselbe:

Soziale Isolation bedeutet, dass ein Mensch nur wenige bis keine Kontakte in seinem familiären oder gesellschaftlichen Umfeld hat. Sie kann jedoch durchaus auch frei gewählt sein. Man muss nicht bis zu den Eremiten und den antiken Säulenheiligen zurückgehen. Viele ziehen sich bewusst zurück und wollen einfach keine Kontakte pflegen. Soziale Isolation ist der objektive Zustand des Alleinseins.

Einsamkeit ist jedoch meist ein subjektives Gefühl. Es ist oft eine nicht freiwillig gewählte Form, aber auch ohne zwingende äußere Umstände denkbar. "Jemand ist einsam, wenn er darunter leidet", lautet die gültige Formel. Wer aus eigenem Willen heraus allein lebt, muss sich nicht immer einsam fühlen. Einige Menschen genießen es sogar, für sich zu sein. Umgekehrt kann man sich auch in einer Gruppe von Menschen einsam fühlen, wenn man von der Gruppe nicht richtig einbezogen wird.

Soziale Medien

Soziale Medien sind kein Ersatz für echte Kontakte. Die sozialen Netzwerke vermitteln den Eindruck, man könne hunderte "Freunde" haben. Mehr als 150 sind nach soziologischen Studien aber nicht drin, und auch das nur theoretisch.

Die digitalen Medien sind zwar – auch ohne und vor Corona – ein gewisser Ersatz. Viele Jugendliche wirken sogar voll krass zufrieden, wenn sie auf das Display starren und wischen können, ohne die (erwachsene) Umwelt zur Kenntnis nehmen zu müssen. Aber physischer, direkter Kontakt, irgendetwas gemeinsam tun, ist unerlässlich.

Was ist aber, wenn dieser Kontakt im Lockdown nicht möglich ist? Die Psychiaterin Ulrike Schmidt konstatiert: "Menschen, die ihr Sozialleben vor allem in der Arbeit hatten, fallen häufig in ein Loch und sind dafür anfällig, psychisch krank zu werden." Jugendliche, die gerade ihre ersten Beziehungserfahrungen machen (wollen), kriegen soziales Kontaktverbot draufgeknallt. Vielleicht muss man daher die jungen "Party People", die distanzlos und maskenlos abfeiern, (auch) in diesem Licht sehen?

Strukturelle Einsamkeit

Wenn irgendwann einmal das Gröbste vorbei sein wird, hoffentlich, bleibt immer noch die strukturelle Einsamkeit. Nach einer Statistik der Europäischen Union treffen sich sieben Prozent der Europäer nicht einmal mehr jedes Jahr mit Freunden oder Verwandten. Vielleicht hat uns die Pandemie bewusst gemacht, dass es dieses Phänomen gibt.

Was aber bis dahin tun? Wenn die Einsamkeit in Corona-Zeiten zu drückend wird? Psychologen empfehlen schlicht: mit anderen darüber sprechen, auch professionelle Hilfe suchen. Nicht jeder kann es so machen wie Alexander Puschkin, der vor der Cholera aufs Familienlandgut Boldino floh und seiner Braut berichtete: "Bis vor kurzem habe ich mir die Seele vom Leib geschrieben." (Hans Rauscher, 3.10.2020)