Die Veröffentlichung der neuen Enzyklika machte in Rom Schlagzeilen.

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"Als ich dieses Schreiben verfasste, brach unerwartet die Covid-19-Pandemie aus, die unsere falschen Sicherheiten offenlegte", schreibt Franziskus in der Einleitung zu seiner dritten Enzyklika. In den vergangenen Monaten sei "die Unfähigkeit hinsichtlich eines gemeinsamen Handelns zum Vorschein gekommen: Trotz aller Vernetzung ist eine Zersplitterung eingetreten, die es erheblich erschwert hat, die Probleme, die alle betreffen, zu lösen".

Gleichzeitig habe die "globale Tragödie" das Bewusstsein dafür geweckt, eine weltweite Gemeinschaft zu sein, "in der alle in einem Boot sitzen", betont der Papst. "Wir haben uns daran erinnert, dass keiner sich allein retten kann, dass man nur Hilfe erfährt, wo andere zugegen sind."

Sein neues päpstliches Rundschreiben hatte Franziskus am Samstag auf dem Grab seines Namenspatrons, dem Heiligen Franz von Assisi unterschrieben. Beim Titel handelt es sich um ein Zitat des Heiligen, der schon vor 800 Jahren Brüderlichkeit und Demut vor der Schöpfung gepredigt hatte.

Inspiriert von Franz von Assisi und Großimam Al-Tayyeb

Der Geist des Franz von Assisi zieht sich durch die gesamte Enzyklika, die mitunter Züge einer Sozialutopie trägt. Der 83-jährige Papst hat sich aber auch vom ägyptischen Großimam Ahmad Al-Tayyeb, einem führenden Islam-Gelehrten, inspirieren lassen – und von weiteren Nicht-Katholiken wie dem US-Bürgerrechtler Martin Luther King, dem südafrikanischen Anglikaner Desmond Tutu und von Mahatma Gandhi.

In "Fratelli tutti" rechnet Franziskus wie schon in seiner letzten Enzyklika "Laudato si" mit einem "unerbittlichen Wirtschaftssystem" ab, das mit Hilfe des technologischen Fortschritts die "menschlichen Kosten" zu verringern suche und sich anmaße, "uns glauben zu machen, die Freiheit des Marktes würde ausreichen, um alles zu gewährleisten". Der "harte und unerwartete Schlag dieser außer Kontrolle geratenen Pandemie" habe aber das Gegenteil bewiesen: Das Coronavirus zwinge uns, wieder an das Wohl aller Menschen zu denken statt bloß an den Nutzen einiger weniger. "Wer glaubt, dass es ausreicht, lediglich die bereits vorhandenen Systeme und Regeln zu verbessern, ist auf dem Holzweg", betont der Papst.

Abkehr vom Egoismus

In dem 287 Artikel umfassenden Schreiben fordert Franziskus vielmehr ein radikales Umdenken und eine Abkehr von Egoismus auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Nur so ließen sich die Folgen der Corona-Pandemie und andere globale Herausforderungen wie soziale Ungleichheit und Migration bewältigen. "Der Schmerz, die Unsicherheit, die Furcht und das Bewusstsein der eigenen Grenzen, welche die Pandemie hervorgerufen haben, appellieren an uns, unsere Lebensstile, unsere Beziehungen, die Organisation unserer Gesellschaft und vor allem den Sinn unserer Existenz zu überdenken", schreibt Franziskus.

"Ich möchte hiermit nicht sagen, dass es sich bei der Covid-Epidemie um eine Art göttlicher Strafe handelt", betont der Papst in einem Kapitel seines Schreibens, in dem er sich mit Ausbeutung und Umweltzerstörung beschäftigt. Aber ebenso wenig könne man bestreiten, dass der Schaden an der Natur der Menschheit am Ende eben die Rechnung für die Übergriffe präsentiere: "Es ist die Wirklichkeit selbst, die seufzt und sich auflehnt." Einer der Grundgedanken der Enzyklika lautet denn auch: Es ist nicht möglich, in einer kranken Gesellschaft und Umwelt gesund zu bleiben. Immer wieder wendet sich Franziskus in seinem Schreiben auch gegen den aufkommenden Nationalismus und Populismus.

Warum nur an die Brüder, nicht an die Schwestern?

Der Titel des neuen Lehrschreibens – "Fratelli tutti" – hatte im Vorfeld vor allem im deutschsprachigen Raum für Polemiken gesorgt: Warum, wurde kritisiert, wendet sich der Papst nur an die Brüder und nicht auch an die Schwestern? Andrea Tornielli, Chefredakteur der vatikanischen Medien, stellte darauf klar, dass die Frauen selbstverständlich mit gemeint seien: "Es wäre absurd zu unterstellen, der Papst wolle mit der Formulierung des Titels mehr als die Hälfte der Adressaten ausschließen", betonte Tornielli. Franziskus wende sich "an alle Schwestern und Brüder, an alle Männer und Frauen guten Willens" – nicht nur an die weltweit rund 1,3 Milliarden Katholiken, sondern an alle Menschen. (Dominik Straub aus Rom, 4.10.2020)