Vielleicht braucht US-Präsident Donald Trump noch Genesungswünsche, vielleicht hat er sie nicht mehr nötig. Dass man nicht weiß, was von beidem zutrifft, ist ein massives Problem.

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Gemeinsam mit Trump wurde am Freitag auch der "Nuclear Football" ans Walter-Reed-Spital überstellt (hinten), mit dem der Präsident den Befehl zum Atombombeneinsatz geben kann. 30 Prozent aller schwer an Covid-19 Erkrankten haben Verwirrungszustände. Zu den Nebenwirkungen eines Medikaments, das dem Präsidenten verabreicht wurde, zählen Depressionen, Paranoia, Psychosen – oder aber manische Episode.

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Donald Trump geht es besser. Vermutlich zumindest, denn genau weiß man es nicht. Dass sein Ärzteteam das seit Freitag täglich verkündet, kann daran liegen, dass es stimmt. Oder daran, dass es stimmen muss. Denn auch als Patient erweist sich der US-Präsident als Mikromanager in Sachen der eigenen Message. Gibt es Zweifel, veröffentlicht er ein Video. So wie am Sonntag, als er merklich atemlos seinen Zustand beschrieb. Oder er lässt sich an seinen Anhängern vorbeifahren. Ob er dabei andere gefährdet, etwa die Sicherheitsleute in seinem Auto? Das spielt keine Rolle.

Denn dass es dem starken Mann schlecht gehen könnte: Das darf nicht sein. Und daher kann es auch nicht sein. Die Botschaften des Weißen Hauses kann man daher glauben oder auch nicht. Und das ist potenziell gefährlich, zumindest aber schwer unverantwortlich.

Am Rande der Lüge

Am Samstag hat Trumps Leibarzt Sean Conley jedenfalls nah an der Lüge operiert. Auf Fragen, ob der Präsident Sauerstoff benötige, sagte er da, dass dies "im Moment nicht" der Fall sei. Am Sonntag dann gestand er ein: Trump benötigte sowohl am Freitag als auch am Samstag Sauerstoff, er habe dies am Vortag aber nicht sagen wollen, um den Heilungsprozess nicht zu gefährden. Offenbar hatte sich Trump am Samstag so über die öffentliche Wahrnehmung seiner Krankheit erregt, dass man seinen Zustand am nächsten Tag nur schonend beschrieb.

Klar: Einige Indizien sprechen dafür, dass die Besserung nun wirklich eingetreten ist. Man muss aber dazusagen: oder eben nicht. Und genau das ist das Problem. Nachweisliche Lügen, schwere Fehlinformationen, offensichtliche Schönfärbungen, bewusste Irreführungen: All das hat es in den vergangenen Tagen schon gegeben. Wieso man die Botschaft diesmal glauben solle, wenn sie am Vortag noch gelogen war: Das konnte Conley am Sonntag nicht erklären.

Spielt das noch eine Rolle, jetzt, wo es ihm offenkundig gut genug für ein Autokorso geht? Ja, denn das alleine ist kaum ein Ausweis der Vitalität. Fast alle Ärzte sind einig, dass Klarheit über eine Heilung in der Zeitspanne von Freitag bis Sonntag kaum möglich ist. Symptome der Krankheit können, gerade in der ersten Phase, verschwinden, um dann wiederzukommen.

Der Hammer als Vorsorge

Vieles Weitere an der Causa ist noch offen. Die Erkrankung Trumps war zunächst Freitagfrüh bekannt geworden. Samstag überraschte Conley dann aber mit der Aussage, die Infektion des Präsidenten sei seit 72 Stunden bekannt. Das hieße also seit Mittwochabend. Und das wäre ein Skandal, denn Trump war den ganzen Donnerstag noch unter Leuten, oft ohne Maske. Später hieß es dann wieder, Conley habe damit gemeint, man sei nun "am dritten Tag der Erkrankung". Auch das kann man glauben. Oder aber nicht, zumal Conley am Samstag auch gesagt hatte, der Präsident werde "seit 48 Stunden behandelt" und habe Donnerstagabend ein Antikörper-Medikament der Firma Regeneron erhalten.

Wie dieses noch rare Medikament, das derzeit an knapp 300 Personen getestet wird, so kurz nach der Diagnose schon im Weißen Haus sein konnte? Unbeantwortet. Überhaupt, die Medikamente. Zwei weitere hat der Präsident laut seinem Medizinerstab erhalten: Remdesivir und Dexamethason. Beides wird nach Maßgaben der WHO erst gegeben, wenn schwere Stadien der Krankheit erreicht sind. Dexamethason ist ein Steroid, das die Arbeit des Immunsystems hemmt. In späten Phasen von Covid-19 wird es deshalb verabreicht, weil das Immunsystem oft überreagiert und damit mehr Schaden anrichtet, als es hilft. Am Beginn der Krankheit aber wird es aus dem gleichen Grund von den US-Gesundheitsbehörden ausdrücklich nicht empfohlen. Dass der Präsident das alles aus übergroßer Vorsicht erhält, wie sein medizinischer Stab sagt, auch das kann man glauben. Oder nicht.

Der Macho am Atomknopf

Donald Trump ist ein harter Chef, der seine Mitarbeiter unter Druck setzt. Sie sagen nur das, was sie seiner Ansicht nach sagen sollen. Sie führen ihn auch in geschlossenen Autos herum, obwohl er sicher ansteckend ist. Denn ansonsten gilt: "You're fired!" Er ist zudem jener Mann, der das Coronavirus in den vergangenen Monaten – ebenfalls nach eigener Aussage – bewusst heruntergespielt hat, der vom Maskentragen abrät und den Mund-Nasen-Schutz selbst nur selten aufsetzte. Vielleicht aus Macho-Gehabe, vielleicht einfach, weil er sich sonst das Orange vom Gesicht wischen würde. Donald Trump ist aber schließlich auch jene Person, deren Finger potenziell am Atomknopf liegt. Ein klarer Kopf ist Berufsvoraussetzung.

Und ein Mindestmaß an Verantwortung wäre es daher, ehrlich und glaubhaft über seinen Zustand zu informieren. Das gilt auch im Wahlkampf, und es sollte aktuell passieren und nicht erst am Tag danach. Schaulaufen und zweiminütige Twitter-Videos sind keine Alternative. Denn 30 Prozent aller Corona-Patienten, die ins Krankenhaus eingeliefert werden, erfahren laut Studien Verwirrungszustände. Es ist nicht zu hoffen, dass Trump dazuzählt. Rein statistisch ist es unwahrscheinlicher als ein Münzwurf-Sieg, aber wahrscheinlicher als zwei Münzwurf-Siege hintereinander. Auch Dexamethason kann als Nebenwirkung zu Depressionen, Paranoia, Psychosen führen – oder aber zu manischen Episoden.

Ob Trumps Mitarbeiter Wahrheit von Wahn trennen könnten, ist offen – und ob sie dazu bereit wären, zwischen beidem abzuwägen, erst recht. Nichts ist auch darüber bekannt, ob Vorkehrungen für eine mögliche Amtsunfähigkeit Trumps getroffen wurden, etwa als sein Zustand am Freitag und Samstag besonders besorgniserregend war. Und unklar ist, wer im Zweifel binnen kurzer Zeit darüber bestimmen würde, ob ein Präsident, dessen Blutsauerstoff zeitweise um die 90 Prozent schwankte, noch voll einsatzfähig ist oder nicht.

Ehrlichkeit darf man immer verlangen

Wahlgegner Joe Biden hat nach Bekanntwerden von Trumps Erkrankung sein Programm geändert. Er gibt nun den großen Einiger. Negativwerbespots hat er eingestellt – auch, wenn Trumps Kampagne nicht bereit war, ihrerseits das gleiche zu tun. Den kranken Präsidenten direkt zu kritisieren, das wäre auch weiterhin für Biden gefährlich. Die offenen Fragen um Trumps Erkrankung aber sollten angesprochen werden. Denn von jenen im Weißen Haus, die den Präsidenten umgeben, darf ruhig Verantwortung eingefordert werden. Immer, und besonders in diesem Moment.

Und schließlich ist es auch Zeit für zumindest eine Demaskierung: Eine politische Kultur, in der der Anführer weder krank sein darf, noch sich und andere mit Gesichtsbedeckungen schützen soll, darf und muss gerade jetzt kritisiert werden. Denn spätestens nun zeigt sich, wohin sie führt. (Manuel Escher, 5.10.2020)