Zeichen gegen Gewalt und Rassismus: Die Bildsprache bei Philip Guston könnte nicht deutlicher sein.
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Es geht ein Aufschrei durch die Kunstwelt. Die Retrospektive des US-amerikanischen Malers Philip Guston (1913–1980) soll auf 2024 verschoben werden. Die Wanderausstellung hätte von der National Gallery in Washington nach Houston, an die Londoner Tate Modern und nach Boston weiterziehen sollen. Ausschlaggebend für die Absage sind seine cartoonesken Figuren, die mit ihren Kapuzen an Anhänger des Ku-Klux-Klans erinnern.

Die Museen möchten wegen des aktuellen politischen Klimas und der Proteste gegen rassistisch motivierte Gewalt einen Schritt zurücktreten. Die zeitliche Distanz soll Raum für Kontextualisierung schaffen, damit die Kunst Gustons auch richtig interpretiert werden könne. Obwohl seine Motive Rassismus und Gewalt offen kritisieren, möchte man mit dem Thema niemanden verletzten. Hat man es hier mit einem neuen Fall der Cancel-Culture zu tun?

"Feigheit der Museen"

"Zensur" und "Feigheit" lauten die Vorwürfe gegen die Entscheidung der Museen. In den letzten Tagen gingen die Wogen hoch, mehr als 100 Vertreter der Kunstszene reagierten in einem offenen Brief – bis dato sind fast 2.000 Namen hinzugekommen. Die Schau soll wie geplant stattfinden, man dürfe sich nicht vor einem kontroversen Thema verstecken, so der Appell.

Auch Gustons Tochter, Musa Mayer, machte darauf aufmerksam, wie wichtig es sei, die Kunst ihres Vaters genau jetzt zu zeigen. Denn er hatte es gewagt, dem "weißen Amerika einen Spiegel vorzuhalten". Dass der Ausstellungstitel ausgerechnet Philip Guston Now lautet, scheint hier unglücklich ironisch.

Am Wochenende verteidigte Kaywin Feldman, die Direktorin der National Gallery of Art, die Entscheidung erneut: Man möchte das Werk Gustons in einem breiteren Rahmen zeigen und auch das Kuratoren-Team diverser besetzen. Denn aktuell sei dieses "gänzlich weiß". Offensichtlich handelt man hier aus Vorsicht, man möchte aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Wer darf was?

Diese häuften sich infolge von #MeToo in den letzten Jahren auch in der bildenden Kunst: Umstrittene Werke wie die Mädchenbilder von Balthus sollten aus Museen entfernt oder strittige Künstler aus Sammlungen verbannt werden. Soll man Autor und Werk trennen? Wer darf was? Und was nicht?

Eine der hitzigsten Kontroversen erzeugte das 2017 auf der Whitney Biennale gezeigte Gemälde Open Casket von Dana Schutz. Dieses bezieht sich auf ein ikonisches Foto des 1955 gelynchten Emmett Till und zeigt die Leiche des schwarzen Jungen. Da die Künstlerin aber weiß ist, warf man ihr kulturelle Aneignung vor, sie bereichere sich an schwarzem Leid. Man forderte, es abzuhängen und zu zerstören.

Ähnlich erging es dem Künstler Sam Durant, als er ein Schafott auf der Documenta 13 in Kassel als Mahnmal aufstellte, es sollte an eine Massenexekution von Native Americans erinnern. "Nicht eure Geschichte", entgegneten Kritiker. Schließlich entschuldigte sich Durant und verbrannte sein Werk.

Angst vor Eklat: Im Fall Guston kommt die "Zensur" von den Kunstinstitutionen selbst.
Foto: imago / Rüdiger Wölk

Zensur von oben?

Im Fall Guston scheint aber eine Debatte entflammt zu sein, die über die bisherigen Fälle der Cancel-Culture hinausgeht.

Einerseits kann ihm keinerlei "Aneignung" vorgeworfen werden, da es hier auch um sein eigenes Trauma geht: Als Sohn jüdischer Emigranten zog er 1919 in die USA, kam selbst mit Rassismus in Berührung und äußerte sich früh politisch in seinen Werken. Einige seiner Bilder sollen sogar von Klan-Anhängern zerschnitten worden sein.

Und andererseits geht die Löschung bei Guston – anders als bei den anderen Fällen, wo mit "Zensur von unten" versucht wurde, Werke auszuradieren – von den Kunstinstitutionen selbst aus. Zwar ist die "Zensur" des Werks nur eine temporäre, dennoch zieht man sich hier lieber vorab zurück, bevor es überhaupt erst zu einem ähnlichen Eklat kommen könnte.

Kontrovers, aber neutral

Ein Grund, wieso sich die Museen nun mit dem Vorwurf der "Selbstzensur" konfrontiert sehen müssen. Ein Museum, das Gustons Werke nicht zeigen könne, könne "wirklich problematische" Künstler erst recht nicht ausstellen, heißt es in dem offenen Brief. Folglich könnte es schwierig werden, die Retrospektive überhaupt noch zu präsentieren.

Ähnlich wie in der Denkmäler-Debatte gilt es, sich auch der Frage zu widmen, wie mit kritischen Inhalten in kritischen Zeiten umzugehen ist. Können unbequeme, kontroverse oder provokante Inhalte einfach verdrängt werden?

Auch die Kunst verlangt, in die Gegenwart eingeordnet, in Kontext gesetzt und reflektiert zu werden. Am besten in einem neutralen Raum, einem Safe Space. Einen besseren Ort als ein Museum gibt es dafür eigentlich nicht. (Katharina Rustler, 5.10.2020)