Israel hat zwischen 2006 und 2019 um 825 Millionen US-Dollar Waffen an Baku geliefert, die jetzt auch bei Angriffen auf Bergkarabach zum Einsatz kommen.

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Das Timing stellte sich als schlecht heraus: Am 17. September eröffnete Armenien, als Zeichen der verbesserten Beziehungen zu Israel, eine Botschaft in Tel Aviv – zwei Wochen später verließ der armenische Botschafter auch schon wieder das Land. Eriwan protestierte damit gegen den Einsatz israelischer Waffen im Kampf gegen die armenische Enklave Bergkarabach durch Aserbaidschan.

Tatsächlich ist laut Experten auch auf einem vom aserbaidschanischen Verteidigungsministerium herausgegebenen Video eine israelische selbstdetonierende Orbiter-1K-Drohne deutlich zu erkennen. Laut dem Stockholm International Peace Research Institute (Sipri) hat Israel zwischen 2006 und 2019 um 825 Millionen US-Dollar Waffen an Baku geliefert, und selbstverständlich kommen diese jetzt auch bei Angriffen auf Bergkarabach zum Einsatz.

Strategische Allianz

Die mittlerweile Jahrzehnte alte strategische Allianz zwischen Israel und Aserbaidschan wurde seit Ausbruch der neuen Runde des Bergkarabach-Kriegs kaum thematisiert. Tatsächlich scheint ein Konflikt, bei dem Israel quasi aktiv auf der gleichen Seite steht wie die Türkei, heute ein Paradoxon zu sein. Das war allerdings nicht immer so. Die israelisch-türkischen Beziehungen haben sich erst in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschlechtert. Die israelischen Verbindungen zu Aserbaidschan, das oft als türkischer Stellvertreterstaat im Kaukasus beschrieben wird, hat das nicht beeinflusst.

Die Aserbaidschaner oder Aseris sind ein Turkvolk, aber wie die Iraner mehrheitlich schiitisch, beides kein Hinderungsgrund für eine enge Allianz mit Israel. Allerdings hat sich Israel zuletzt auch um eine Normalisierung einer komplizierten Beziehung zu Armenien bemüht. Und Aserbaidschan seinerseits hat mit russischer Vermittlung zu Teheran ein entspannteres Verhältnis als früher aufgebaut.

Die Grenze zum Iran

Teheran hat Baku stets beschuldigt, den aserischen Separatismus im Iran anzuheizen, Baku hingegen Teheran, die Armenier in Bergkarabach zu unterstützen. Gerade diese Positionierung gegen den Iran ist einer der Gründe für das israelische Interesse an Aserbaidschan. Aserbaidschan teilt mit dem Iran eine Grenze, und Israel soll Baku schon in den 1990ern dabei geholfen haben, Spionageanlagen zu errichten – von denen es selbst profitiert.

Ein anderer Grund für das israelische Interesse an Aserbaidschan war in den vergangenen Jahrzehnten auch das Erdöl: Bis zu 40 Prozent des israelischen Bedarfs werden von Aserbaidschan durch die Baku-Tbilisi-Ceyhan-Pipeline importiert. Allerdings wird das Öl für Israel angesichts der Verbesserung seiner Beziehungen zu den Arabern – ganz besonders das ölreiche Abu Dhabi, das reichste der Vereinigten Arabischen Emirate – in der Zukunft vielleicht eine geringere Rolle spielen.

Transaktionales Verhältnis

Das israelisch-aserbaidschanische Verhältnis ist wohl der klassische Fall für ein "transaktionales", wie die Politikwissenschaft das nennt: Beide Staaten wollen etwas voneinander, und das gilt auch, wenn sich regionalpolitische Umstände – wie das israelisch-türkische Verhältnis – zum Schlechteren wenden.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden nach 1991 rasch diplomatische Beziehungen aufgenommen und der nach dem Verlust von Bergkarabach 1994 wachsende aserbaidschanische Rüstungsbedarf von Israel abgedeckt. Für Israel ist hingegen die geografische Lage Aserbaidschans von Bedeutung – es ist die Chance, in den Iran hineinzuschauen. Und auch die israelische Rüstungsindustrie wird auf die guten Geschäfte mit Baku nicht verzichten wollen. Aber angesichts der derzeitigen aserbaidschanischen Aggression, die von der Türkei lautstark unterstützt wird, ist diese Allianz für Israel zunehmend etwas peinlich. (Gudrun Harrer, 7.10.2020)