Eddie Van Halen bei einem Auftritt 2008.

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Ältere Männer blicken nicht nur gern auf ihre so genannten besten Jahre zurück. Damit ist meist die ferne Zeit gemeint, in der sich die Körperspannung nicht auf die verkrampften Muskeln oben bei der Halswirbelsäule beschränkte. Die Silberrücken kaufen auch mit Vorliebe irgendwelche Deluxe-Editionen von 30, 40 und 50 Jahre alten Platten, die davon künden, dass früher alles einmal besser war.

Besser war früher immer auch alles, weil es damals noch diverse beste Gitarristen aller Zeiten gegeben hat, inklusive der Listen über die besten Gitarristen. Ob das nun für Zeitlupensolisten im Blues, Drogenbarone im psychedelischen Rausch, Teufelspaktierer, Selbstverwirklicher im Dreizehnachteltakt, Doppelhalsgitarrenangeber oder Geschwindigkeitsrauschige im Schwermetall geht, ist unerheblich. Ältere Männer tauschen sich gern über solche zentralen Probleme aus, wenn der Fussball (und die Halswirbelsäule) einmal Pause machen.

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Zweifellos zählt Eddie Van Halen als musikalisches Mastermind von Van Halen zu den besten Gitarristen aller Zeiten. Nebenher begründete er mit Van Halen damals Anfang der 1970er-Jahre gemeinsam mit seinem Bruder Alex auch das Genre Hairspray- oder Pudel-Metal.

Man hört das seinem vor allem von einem käsig eingestellten Oberheim-Synthesizer dominierten größten Hit Jump von 1984 zwar nicht an. Die restliche Band, für die die Strandschönheit David Lee Roth den gesanglich eher unauffälligen Eintänzer und das Gesicht hergab, wollte den heutigen Evergreen zuerst gar nicht einspielen. Immerhin vertraute man damals nach Hits wie Eruption von 1978 eher seinen Künsten als wie ein Katastrophenalarm über die Welt kommenden Gitarrensolisten und Power-Akkord-Drescher. Die produzierte der gebürtige Niederländer stets mit einem feixenden Gesicht.

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Dabei entstanden in Fachmagazinen als heilig verehrte Spieltechniken wie die mit Phaser- und Verzerrereffekten befeuerten "Artificial Harmonics", die "Dive-Bombs" und vor allem das in besagtem Eruption erstmals vorgestellte revolutionäre "Tapping". Beim Tapping werden die Saiten mit beiden Händen direkt auf dem Griffbrett und nicht wie gewohnt schön über das Instrument verteilt bearbeitet. Mitunter werden die Saiten so sehr, sehr lange bearbeitet.

Eddie Van Halen zu seinem Welthit Jump: "Als ich der Band das erste Mal Jump vorspielte, wollte niemand etwas damit zu tun haben. David Lee Roth sagte, dass ich nun einmal ein Gitarrenheld sei und deshalb nicht Keyboards spielen sollte. Meine Antwort war: Und wenn ich eine Tuba spielen oder eine "Bavarian cheese whistle" einsetzen will, dann werde ich das tun!" Letzteres Instrument bitte selbst googeln. Eddie Van Halen hatte immer auch Humor.

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Eddie Van Halen, der große Verehrer von klassischer Musik und speziell von Wolfgang Amadeus Mozart, nach dem er sogar seinen Sohn benannte, zeichnet nicht nur für legendäre Riffs und Soli für Van Halen verantwortlich. Erwähnt seien etwa Runnin’ with the Devil oder Hot For Teacher oder das 1986 mit dem zwischenzeitlichen Sänger Sammy Hagar eingespielte Why Can’t This Be Love.

Das allerbekannteste Solo spielte Eddie Van Halen allerdings für jemand anderen ein. Beat It von Michael Jackson aus dem Jahr 1982 definierte früh die Vermählung von aus dem Soul und der Disco kommendem afroamerikanischem Pop mit dem breitbeinigen weißen Testosteron-Rock aus Suburbia.

Eddie Van Halen ist nun in Los Angeles einem langjährigen Krebsleiden erlegen. Es war wohl auch eine Folge der Drogen. Er wurde 65 Jahre alt. (Christian Schachinger, 7.10.2020)