Opulent inszenierte Fantasyserien wie Outlander (fünf Staffeln) kommen als bessere Rosamunde-Pilcher-Action in Endlosschleife daher.

Foto: AP / Ed Miller

Mit nackten Brüsten über die Straße spazieren. Das war bis vor kurzem fast kein Ding – die Tochter von Bruce Willis führte es vor, indem sie oben ohne in New York shoppen ging. Mit großem Erfolg übrigens, viele Busengenossinnen taten es ihr gleich. Mit erhobenen Fäusten und freigelegten Brustspitzen kämpften Bloggerinnen im Namen des "Free Nipple Movement" gegen ein allzu prüdes Instagram.

Von so viel Freiheit kann man heute nur träumen. Was Kirchenoberhäuptern seit Jahrzehnten nicht mehr gelang, schaffte Corona im Handumdrehen: Die Schamgrenzen haben sich in schwindelerregende Höhen verschoben. Die freie Sicht auf ein Nasenloch – allein das genügt, um beim Bäcker für Schnappatmung zu sorgen.

Verblüfft sieht man sich selbst dabei zu, während man schreit: "Ziehen Sie bitte sofort Ihre Maske hoch!" – Das Nasenloch ist zum neuen G-Punkt geworden. Und was wird jetzt aus dem "Brazilian"? Legal bekommt man den Landesteg wahrscheinlich nur mehr nach einem Verlobungsangebot zu sehen.

Porno unterm Schottenrock

Zum Glück gibt es Netflix, diesen modernen Sperrbezirk, unbeschwert von #MeToo und politischer Korrektheit. Wie käme Otto-Normalverbraucher sonst überhaupt noch auf Ideen?

Während herkömmliche Kino- und TV-Produktionen vorgaukeln, Sex fände nur mehr mit umgeschnalltem Büstenhalter und angezogenen Pyjamahosen statt, herrscht auf der Streaming-Plattform das Recht des Schärferen in guter alter Wild-West-Manier: Opulent inszenierte Fantasyserien wie Outlander (fünf Staffeln) kommen als bessere Rosamunde-Pilcher-Action in Endlosschleife daher: Schlösser, Pferde, Prinzessinnen, Piraten – alles da.

In Wirklichkeit ist der komplizierte Plot nur darauf ausgelegt, dass alle zwei Minuten heftig übereinander hergefallen wird. Freie Sicht auf alle Körperteile, in Cinemascope-Nahaufnahme, da bleiben kein Nasenhaar und auch kein anderes Körperhaar ungesehen.

Ungezählt, wie oft Outlander-Fans ihren Lord Broch Tuarach, den schönsten aller Highlander, nackt und mit allen Details unter seinem Schottenrock zu sehen bekommen. Ungezählt, wie viele bloße Brüste und Hintern vor Feuerstellen bis zum Höhepunkt auf- und abwippen.

Erotik-GPS

Ähnlich Brachiales kennt man aus den guten alten Herzschmerzheften an der Supermarktkasse: Das Cover von Julia und der geheimnisvolle Graf verspricht Rosen und Romantik. Beim Durchblättern allerdings finden sich mehr lodernde Lenden, stramme Degen und stöhnende Gräfinnen.

Was sagt uns der Erfolg dieser Fantasyprodukte? Das Volk pfeift drauf, ob Anna Karenina und Madame Bovary einen Druck auf ihrem Dekolleté verspüren. Es braucht keine literarischen Metaphern, sondern Handfestes. Quasi ein GPS der Erotik, mit konkreten Wegbeschreibungen von A nach B. (Ela Angerer, RONDO, 5.11.2020)

(Korrektur: Die Tochter von Bruce Willis war in New York und nicht in Los Angeles oben ohne shoppen, dies wurde daher korrigiert, danke für den Hinweis)