Das norwegische Nobelpreiskomitee gibt am Freitag um elf Uhr den diesjährigen Gewinner des Friedensnobelpreises bekannt. Wie gewohnt breitet die Organisation einen Mantel des Schweigens über die Identitäten der Nominierten, diese bleiben für 50 Jahre geheim. Lediglich die Anzahl der Nominierungen wird veröffentlicht: Für das Jahr 2020 sind es 318, die vierthöchste Zahl in der Geschichte des Komitees. Diese teilen sich in 211 Nominierungen von Individuen und 107 Organisationen.

Der Friedensnobelpreisträger erhält eine Medaille, eine Urkunde, zehn Millionen norwegische Kronen und jede Menge öffentliche Aufmerksamkeit.
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Trotz der Geheimhaltung werden zahlreiche Namen von Nominierten kolportiert. Diese werden von jenen, die die Nominierungen eingereicht haben, veröffentlicht. Spekulationen sind daher Tür und Tor geöffnet – in den seltensten Fällen ist letztlich aber der Favorit von Experten und Buchmachern auch der Sieger.

Unwürdige Sieger und würdige Ignorierte

Nach dem Willen des Stifters Alfred Nobel soll der Preis an jenen gehen, der "am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt" hat. Oft genug erhielten Personen oder Organisationen den Preis, bei denen schon zum Zeitpunkt der Verleihung erhebliche Zweifel daran bestanden, dass ihre Ehrung dem Willen Nobels entspricht. Andere wiederum würden aufgrund späterer Entwicklungen aus heutiger Sicht den Preis vielleicht nicht mehr zuerkannt bekommen, wie zum Beispiel Myanmars Regierungschefin Aung San Suu Kyi, aber auch der Vorjahressieger, Äthiopiens Premier Abiy Ahmed Ali. Umgekehrt ist die Liste jener lang, die den Preis verdient, jedoch nie erhalten haben, angeführt von Indiens Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi.

Vorjahressieger Abiy Ahmed Ali hat im Jahr 2020 aufgrund inneräthiopischer Konflikte viel durch den Nobelpreis erworbenes internationales Ansehen wieder verspielt.
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Trump wird es nicht

Wer wird den Preis heuer also erhalten? Eines vorweg: Donald Trump wird es nicht sein. Der US-Präsident ist zwar, wie schon zuletzt, unter den Nominierten. Er wäre auch nicht der erste Staatschef der USA, der die Auszeichnung erhielte: Schon Theodore Roosevelt, Woodrow Wilson, Jimmy Carter und Barack Obama wurden mit dem Preis geehrt. Für Letzteren waren dies Vorschusslorbeeren zu Beginn seiner Regierungszeit, denen er wenig Nobelpreiswürdiges folgen ließ.

Trump zeigte in seiner ersten Amtszeit zwar durchaus einige Initiativen, um Lösungen langjähriger Konflikte in die Wege zu leiten, zum Beispiel in Nordkorea, Afghanistan oder dem Nahen Osten. Zwar ist bei allen Bemühungen relativ wenig Greifbares und Dauerhaftes erreicht worden, für weniger polarisierende Personen als Trump hätte aber vermutlich jede einzelne der Initiativen schon für den Nobelpreis gereicht. Der Grund, warum von vornherein klar ist, dass Trump am Freitag keinesfalls als Friedensnobelpreisträger bekanntgegeben wird, ist simpel: Das Nobelpreiskomitee wird sich hüten, knapp drei Wochen vor der US-Wahl in diese einzugreifen.

Corona für die Krönung

Wie schon im Vorjahr sehen viele die Schwedin Greta Thunberg als Favoritin, auch wenn sie heuer nicht mehr in dem Ausmaß als sichere Siegerin gehandelt wird wie 2019. Vielleicht erhöht jedoch gerade die Tatsache, dass nach dem Ausbruch der Corona-Epidemie der mediale Hype um die Schulschwänzerin für das Weltklima rasch abgeebbt ist, ihre Chancen – das Nobelpreiskomitee folgt bekanntlich ungern medialen Modetrends. Eventuell könnte der Preis auch an im Klimaschutz aktive Organisationen gehen.

Das Coronavirus könnte auch für die Weltgesundheitsorganisation WHO den Ausschlag geben. Die WHO gehört regelmäßig zu den realistischeren Tipps auf die Ehrung, im Jahr 2020 trat sie so intensiv wie selten zuvor ins Rampenlicht.

Shortlist

Das Osloer Peace Research Institute (PRIO) gibt jährlich eine Shortlist möglicher Preisträger heraus. An erster Stelle steht hier heuer das Komitee zum Schutz von Journalisten. In Zeiten von Fake-News, Repressionen und zahlreichen Krisen und Konflikten müsste kritischer und unabhängiger Journalismus gewürdigt werden. Andere mögliche Kandidaten aus diesem Bereich wären die Reporter ohne Grenzen, die Reuters-Reporter Wa Lone und Kyaw Soe Oo, die über die Gewalt gegen die Rohingya in Myanmar berichteten (dies wäre eine Korrektur des Nobelpreises für Aung San Suu Kyi), oder der türkische Journalist Can Dündar, der – wie zahlreiche andere Journalisten auch – in der von Machthaber Recep Tayyip Erdoğan zunehmend autokratisch geführten Türkei inhaftiert worden war.

Ebenfalls nobelpreisverdächtig sind die Forces of Freedom and Change, die Koalition aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen, aber auch Rebellengruppen, die im Sudan den Sturz des Diktators Omar al-Bashir erreicht und einen politischen Übergang in Richtung Demokratie angestoßen haben. PRIO führt auch den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny und seine Anti-Corruption Foundation an, ebenso uigurische Menschenrechtsaktivisten aus Xinjiang und Demokratieaktivisten aus Hongkong.

Nobelpreiswürdig, aber chancenlos

Die Whistleblower und Dissidenten Julian Assange, Edward Snowden und Chelsea Manning haben mit ihrer Tätigkeit für die Publikmachung und Aufklärung zahlreicher menschenrechtlich bedenklicher Vorgänge gesorgt und einen hohen persönlichen Preis dafür bezahlt. Sie werden daher immer wieder im Zusammenhang mit dem Friedensnobelpreis genannt, doch wenn das Nobelpreiskomitee die Bereitschaft hätte, dies entsprechend zu würdigen, hätte es in den vergangenen Jahren schon mehrfach die Gelegenheit dazu gehabt.

Wettanbieter

Bei den Wettanbietern ist dafür Neuseelands Regierungschefin Jacinda Ardern hoch im Kurs, die den Inselstaat mit einem strengen Abschottungsregime durch die Corona-Krise führt. Auch auf Microsoft-Milliardär Bill Gates, der sich für Studien zu möglichen Corona-Impfstoffen engagiert, wird ebenso gewettet wie auf das UNHCR und die EU.

Gewettet wird übrigens auch auf Personen, bei denen die Ehrung in höchstem Maße unrealistisch erscheint. So erschien der brasilianische Offensivspieler des FC Liverpool, Roberto Firmino Barbosa de Oliveira, im Frühjahr auf den Listen von Wettanbietern. Dass Firmino überhaupt unter den Nominierten ist, darf aber bezweifelt werden.

Roberto Firmino wird vermutlich weiterhin über Tore jubeln, über den Erhalt des Nobelpreises aber eher nicht.
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Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass keine der in diesem Artikel genannten Personen und Organisationen den Nobelpreis erhält. Vielleicht besinnt sich das Nobelpreiskomitee auch auf einen möglichen Schritt, der zuletzt im Jahr 1972 gesetzt wurde: Der Preis könnte einfach ausgesetzt werden, wenn kein würdiger Kandidat in Sicht ist. (Michael Vosatka, 8.10.2020)