In Schottland müssen die Pubs nun schließen, um die Ausbreitung des Virus wieder einzudämmen.

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Angesichts scheinbar unaufhaltsam steigender Corona-Infektionszahlen stehen den Briten drastische Einschränkungen bevor. Im bevölkerungsreichsten Teil Schottlands mit den Metropolen Edinburgh und Glasgow müssen Pubs und Restaurant von Freitag an für 16 Tage komplett schließen; in den ländlicheren Gebieten dürfen die Gastronomiebetriebe keinen Alkohol ausschenken. Zur Eindämmung von Sars-CoV-2 "müssen wir mehr tun", begründete Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon am Mittwoch den "kurzen, harten Schock".

Auch dem für England zuständigen Premier Boris Johnson raten Wissenschafter zu drastischem Vorgehen. Schon bisher gilt im ganzen Land Maskenpflicht in Geschäften, Bussen und Zügen sowie die sogenannte Sechser-Regel: Sowohl drinnen wie draußen sind Treffen lediglich mit fünf anderen Menschen erlaubt. Dass Johnson der Gastronomie die Sperrstunde um 22 Uhr auferlegte, ist im Land heftig umstritten; vielerorts kommt es in den Innenstädten kurz nach 22 Uhr zu Menschenansammlungen rund um die noch geöffneten Supermärkte, wo die Zecher sich mit Nachschub für zu Hause eindecken. Labour-Oppositionsführer Keir Starmer forderte im Unterhaus die Veröffentlichung jener Daten, die den Entscheidungen der Regierung zugrunde liegen.

Starker Anstieg

Im Durchschnitt der vergangenen Woche wurden landesweit täglich 11.994 Neuinfektionen und 53 Covid-Tote gemeldet, was einer Verdoppelung binnen vierzehn Tagen gleichkommt. Am Dienstag nahm die Zahl der Spitalseinweisungen um ein Viertel zu; 83 Prozent der zuletzt mit Covid-19 Verstorbenen wurden in den am schwersten betroffenen Regionen im Norden Englands registriert.

Städte wie Bolton, Bury und Burnley im Großraum Manchester leben schon seit zwei Monaten unter strikteren Bedingungen als etwa die Hauptstadt London. Trotzdem sind die Zahlen immer weiter angestiegen, in Burnley beispielsweise von wöchentlich 21 Fällen pro 100.000 Einwohner auf zuletzt 484 Fälle (London: 65). Zur Begründung nennen Experten die größere Armut in der Region, den geringeren Prozentsatz von Jobs, die vom Homeoffice aus erledigt werden können, sowie die größere Zahl von Familien, nicht zuletzt bei ethnischen Minderheiten, in denen mehrere Generationen zusammenleben.

Panne durch Softwarefehler

Das zentrale, von Privatfirmen betriebene System zur Verfolgung von Kontaktinfizierten (track & trace) scheint heillos überfordert; zu Wochenbeginn wurde bekannt, dass 16.000 Positivtests durch einen Softwarefehler unter den Tisch gefallen waren. Die Suche nach mindestens 50.000 möglicherweise Kontaktinfizierten dauert an. Unterdessen bangen Labors des Nationalen Gesundheitssystems NHS um ihre Einsatzfähigkeit, nachdem Chemiegigant Roche Probleme bei der Versorgung mit dringend benötigten Chemikalien und Zubehör angekündigt hat. (Sebastian Borger aus London, 8.10.2020)