Wien – Es läuft gut. Trotz Coronavirus. Das ist die erste Bilanz nach rund einem Monat Studienbetrieb an den österreichischen Fachhochschulen (FH), die bereits Anfang September ins Wintersemester 2020/21 gestartet sind. Die Zahl der bestätigten Covid-19-Fälle unter FH-Studierenden lässt sich an den einzelnen Standorten oft mit einer Hand abzählen. Also keine Daueraufregung wie im Schulbereich.

Vernunft und Dialog

"Wir haben den Vorteil, dass wir es mit Erwachsenen zu tun haben. Da kann man mit Vernunft und im Dialog sehr viel entwickeln", sagt der Rektor der FH Technikum Wien, Fritz Schmöllebeck. Er bekommt jeden Montagnachmittag um 15.30 Uhr die neuen Corona-Zahlen über seine rund 4500 Studierenden, 400 FH-Mitarbeiter und 300 externen Lehrenden. Seit Mitte September gab es 22 positiv getestete Fälle. Deren Kontakte – etwa in einem Seminar oder im Labor – wurden auf Basis der Anwesenheitslisten informiert und zehn Tage isoliert. Im Intranet gibt es ein Formular, mit dem man einen positiven Covid-19-Test oder freiwillige Selbstisolation im Zuge einer Testung meldet.

An der FH Vorarlberg gab es seit dem Lockdown im März bis heute überhaupt "keinen einzigen Covid-19-Fall im Kontext der Fachhochschule", berichtet Geschäftsführer Stefan Fitz-Rankl: "Einzelne Fälle, die derzeit in Quarantäne sind, hatten keinen Bezug zur FH."

Eigene Corona-Teststrategie

Bisher ganze fünf gemeldete Covid-19-Fälle hatte die FH Wiener Neustadt mit rund 4000 Studierenden an ihren vier Standorten in Niederösterreich und Wien. Nur zwei davon waren in der infektiösen Zeit auch an der FH, sagt COO Peter Erlacher aus der FH-Geschäftsführung: "Wenn es einen positiven Fall gibt und diese Person in der infektiösen Zeit auch an Vorlesungen teilgenommen hat, dann wird der Lehrbetrieb für den jeweiligen Studiengang unverzüglich für 10 Tage auf Distance Learning umgestellt."

Fachhochschulen haben sich intensiv auf Covid-19 vorbereitet.
Foto: AP/Corder

An der FH Wiener Neustadt gibt es überhaupt eine Besonderheit. Nicht nur, dass die Studierenden und Lehrenden der Studiengänge, bei denen fachimmanent der Corona-Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden kann, weil etwa in der Gesunden- und Krankenpflege, Logopädie oder bei der Ergotherapie mit Patienten gearbeitet wird – von der FH mit den höherwertigen FFP2-Masken ausgestattet werden, hat die FH auch eine eigene Corona-Teststrategie, mit der sie den Hochschulbetrieb sicherstellen will.

Antigen-Schnelltests und PCR-Analyse im Haus

Antigen-Schnelltests (wie sie auch die WU Wien bei der großen Einführungsvorlesung im Austria Center verwendet hatte) werden gezielt durchgeführt, "etwa wenn wir schon vorab wissen, dass der Abstand nicht durchgängig eingehalten werden kann", erklärt Erlacher. Zum Beispiel, um Fotos der Studierenden für neue Studiengangsfolder zu machen. Eingesetzt werden übrigens Antigen-Schnelltests der deutschen Firma Nal von Minden, und als strategischer Partner fungiert der österreichische Medizinproduktehändler Alpstar.

Wäre einer dieser Schnelltests positiv, würde noch ein PCR-Test gemacht – und das alles im eigenen Haus. Denn die FH Wiener Neustadt, die in der Fakultät Gesundheit auch das Studium "Biomedizinische Analytik" anbietet, hat ein eigenes zertifiziertes Analysegerät angeschafft und kann als Labor die PCR-Tests durch das hausinterne Fachpersonal und facheinschlägige Studierende abnehmen und binnen 15 Minuten auswerten.

Gesundheitstagebuch führen

Außerdem führen alle FH-Angehörigen in Wiener Neustadt ein Gesundheits- und Kontakttagebuch. Das Format dafür hat die Fakultät für Gesundheit basierend auf Empfehlungen des Robert Koch-Institutes entwickelt. Durch die systematischen Einträge über mögliche Symptome und tägliches Fiebermessen wolle man "Bewusstsein schaffen und einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Gesundheit fördern – innerhalb und außerhalb der Hochschule", sagt Erlacher: "Denn es muss allen klar sein, was draußen passiert, würde uns als FH auch treffen."

Das Verhältnis zwischen drinnen und draußen bzw. zwischen Präsenz- und Distanzunterricht wurde Corona-bedingt natürlich auch neu justiert. Neben dem Pandemie-Basisprogramm – Abstand in schütter besetzten Hörsälen, Mund-Nasen-Schutz in Bibliotheken und auf öffentlichen FH-Flächen plus mancherorts die Empfehlung, die Maske auch bei Vorlesungen zu tragen, sowie Hygienerichtlinien und Anwesenheits- bzw. Kontaktlisten für allfälliges Contact-Tracing – ging es darum, auch in Corona-Zeiten "studierfähige" Rahmenbedingungen zu schaffen.

"Normal ist es ganz und gar nicht", sagt Technikum-Rektor Schmöllebeck: "Das Studienjahr erinnert in geplanter Variante wesentlich mehr an das Frühjahr als an 'normale' Studienjahre."

Großer Wunsch nach Präsenzveranstaltungen

Dabei wäre der Wunsch der meisten FH-Studierenden recht eindeutig. Bei einer Befragung am Technikum während des Lockdowns im Mai sagten 85 Prozent: "Wir wollen wieder Sozialkontakt." Generell gilt daher auch an den FHs, dass vor allem Erstsemestrigen möglichst viel "reales" Studium mit Präsenzveranstaltungen geboten werden soll.

Am Technikum Wien absolvieren Studienanfänger zwischen einem Drittel und der Hälfte ihrer Lehrveranstaltungen an der FH: "Wir haben versucht, in den höheren Semestern nach wie vor hohe Onlineanteile zu haben. Dadurch werden Raumressourcen frei für Anfänger, denen wir mehr Kontakt ermöglichen wollen", sagt Schmöllebeck: "Sie müssen sich kennenlernen und Lerngruppen bilden können."

Ähnlich in Wiener Neustadt. "Ein sicherer Präsenzbetrieb ist sehr nachgefragt von den Studierenden, und bei den Erstsemestrigen legen wir als Hochschule auch großen Wert darauf, dass sich die Studierenden vor Ort in das Hochschulleben einfinden und Campusluft schnuppern" sagt FH-Geschäftsführer Erlacher. Dort hat man z. B. Lehrveranstaltungen größerer Studiengänge in drei Kohorten geteilt, und Studierende können zumindest an fünf von 15 Vorlesungsterminen vor Ort teilnehmen und die restlichen Termine online verfolgen.

Unterrichtsmix ist fächerabhängig

Wie weit das möglich ist, ist auch von der Studienrichtung abhängig, sagt Erlacher: "Im Schnitt über alle 37 Curricula kommen wir auf rund 50:50 Präsenz- und Distanzlehre. Es gibt Fächer, da ist das Verhältnis 70 Prozent Vor-Ort-Unterricht und 30 Prozent Fernlehre, und in anderen Disziplinen liegt es wiederum umgekehrt bei 20:80." In technischen Studien wie etwa Robotik oder Mechatronik mit einem hohen Laboranteil, aber auch im Gesundheitsbereich sei es oft schwieriger, ein "didaktisch sinnvolles kompensatorisches Digitalangebot" zu machen.

An der FH Vorarlberg wurde im Sommersemester lockdownbedingt nur ein Prozent der rund 50.000 Stunden Lehre als Präsenzveranstaltung durchgeführt: "Das, was absolut nicht digital substituierbar war. Und dennoch haben wir es geschafft, alle Lehrveranstaltungen und Prüfungen vollwertig und zeitgerecht anzubieten. Das hat auch Vertrauen geschafft: Ja, das geht, wir können das. Wir garantieren, dass kein Studierender Zeit verliert durch die Corona-Situation", erzählt Geschäftsführer Fitz-Rankl.

Im laufenden Wintersemester finden rund 30 Prozent der Lehrveranstaltungen physisch an der FH statt, in manchen Studiengängen etwas mehr, in anderen weniger. Denn im Lockdown habe man gesehen, "was verlorengeht, gerade im FH-Setting, wo der Austausch mit Studienkollegen und Vortragenden sowie die praktischen Übungen vor Ort besonders wichtig sind".

Warnung vor höheren Dropout-Zahlen

Dieses spezifische Studiensetting sei durch die Corona-Änderungen weggebrochen und berge auch Gefahren, meint Fitz-Rankl: "Wir rechnen mit höheren Dropout-Zahlen, weil die Bindung weniger eng ist. Genau wegen der Nähe und des Austauschs mit anderen Studierenden und den Vortragenden kommen unsere Studierenden ja an die FH."

Außerdem beobachtet man an der FH Vorarlberg vor allem bei den berufsbegleitenden Studierenden, die fast die Hälfte der Inskribierten ausmachen, mehr Karenzierungen: "Sie unterbrechen ihr Studium, weil ihre Arbeitssituation Corona-bedingt unsicher und belastend ist. Wir sehen da große Verunsicherung. Die Onlineseminare nehmen die Vorteile des Studierens, das Diskutieren, den Austausch, den akademischen Diskurs. Das fehlt vielen", erklärt Fitz-Rankl.

Mehr Publikationen in der "Verschnaufpause"

Wie hat sich die Corona-Pandemie noch bemerkbar gemacht im Fachhochschulsektor insgesamt? Der Generalsekretär der Fachhochschulkonferenz, Kurt Koleznik, sagt: "Wir haben gemerkt, dass durch diese erzwungene 'Verschnaufpause' oder das Verlassen gewohnter Trampelpfade ein Zeitfenster aufgegangen ist, in dem jetzt deutlich mehr F&E-Anträge geschrieben und mehr Publikationen veröffentlicht wurden."

Ein "kleines Problem" hingegen verursachte die Corona-Pandemie für FH-Studierende aus Drittstaaten. Deren Zahl ist leicht zurückgegangen, da sie wegen geschlossener Konsulate oder Botschaften oft kein Visum für ihre Aufenthaltsgenehmigung in Österreich bekommen haben. "Wir sehen ein West-Ost-Gefälle", sagt Koleznik: "Während China, Indien oder Russland total vorsichtig reagiert haben, gab es aus Nord- und Südamerika sogar mehr Stipendienanträge für ein FH-Studium in Österreich." (Lisa Nimmervoll, 9.10.2020)