Für Wintertouristen ist Ischgl seit März eine rote Zone.

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Wien – Die Tiroler Behörden, der Bezirkshauptmann und der Landespressedienst spielten die Verbreitung des Coronavirus im Skiort Ischgl herunter und hielten wesentliche Informationen tagelang zurück, um den Skiort aus den Schlagzeilen und "aus dem Schussfeld" zu bringen. Das berichten "Profil" und "ZiB 2" unter Berufung auf umfangreiche Dokumente der Tiroler Behörden.

Dem ORF und Profil liegen unzählige Akten vor, die zeigen: Das Land Tirol hat die Virusausbreitung in dem Skiort wissentlich beschönigt. Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) war darüber offenbar informiert.
ORF

Laut dem Bericht begann die lückenhafte Information der Öffentlichkeit am 5. März. An dem Tag warnten isländische Beamte die österreichischen Behörden, nachdem in Island 14 Skiurlauber positiv auf Covid-19 getestet worden waren.

Zugewartet

Anstatt die Bevölkerung unverzüglich zu informieren, wie in der Tiroler Gemeindeordnung vorgesehen, informierte der für Ischgl zuständige Bezirkshauptmann von Landeck, Markus Maaß, am 5. März zunächst Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). Danach schlug er, unter Verweis auf Rücksprache mit dem Landeshauptmann, vor, die geplante Presseaussendung auf zwei Isländer zu fokussieren, die angegeben hätten, sich im Flugzeug nach Island angesteckt zu haben.

Zu diesem Zeitpunkt wussten die Tiroler allerdings auch, dass die 14 Isländer im Februar nicht mit einem Flugzeug in ihre Heimat geflogen waren, sondern in zwei verschiedenen Maschinen. Einige hatten bereits vor der Abreise Symptome einer Erkrankung gezeigt. Trotzdem schickte das Land am Abend eine Pressemitteilung aus, wonach sich "isländische Gäste im Tiroler Oberland (...) auf dem Rückflug im Flugzeug mit dem Coronavirus angesteckt haben". Ein Sprecher des Landes Tirol wies diese "Interpretation" von "Profil" und "ZiB 2"in einer Stellungnahme zurück.

Barkeeper positiv getestet

Zwei Tage später, am 7. März, fiel der Covid-Test eines Barkeepers der Bar Kitzloch positiv aus. Tags darauf im Tiroler Krisenstab hat laut "Profil" eine Mitarbeiterin der Landessanitätsdirektion im Zusammenhang mit der Bar vor "vielen Krankheitsfällen" gewarnt, weil zehn der 14 positiv getesteten Isländer Ende Februar im Kitzloch gewesen waren.

Davon unbeeindruckt verschickte das Land die inzwischen berüchtigte Pressemitteilung: "Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich." Allerdings wurde Gästen, die in den vergangenen zwei Wochen in der Bar gewesen waren, empfohlen, sich an die Hotline 1450 zu wenden.

"Kein Kommentar"

Ein Sprecher des Landes Tirol wies den Vorwurf der Verschleierung und Verzögerung laut dem Bericht zurück: "Die Behauptung, dass in der Öffentlichkeit ein anderes Bild gezeichnet wurde, ist unrichtig." Seitens des Landes gab es in der Sache keinen Kommentar, man verwies auf die Präsentation des Endberichts der Expertenkommission im kommenden Montag.

Am 9. März waren bereits 14 Mitarbeiter der Bar positiv getestet, das Kitzloch wurde behördlich geschlossen. (ung, red, 8.10.2020)