Menschen bei einer Kundgebung in Bischkek.

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Niemand ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Der böse Spruch passt zu genau auf die derzeitige Lage in der zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepublik Kirgisistan. Das Land in den himmlischen Bergen erlebt gerade seinen dritten gewalttätigen politischen Umsturz innerhalb der letzten 15 Jahre. Dazu kommen etliche blutige Pogrome und Clan-Konflikte in dem bettelarmen GUS-Staat.

Lange Zeit wurden die Kirgisen dafür gefeiert, dass sie weniger autoritätsgläubig sind als ihre Nachbarn. Tatsächlich haben seit der Jahrtausendwende in der Region nur bei den Kirgisen die Staatschefs regelmäßig gewechselt. Doch die Art und Weise ist zweifelhaft. Mit Vergnügen verweisen die Autokraten von Minsk und Moskau über Baku, Nursultan, Taschkent und Duschanbe bis hin nach Aschchabad zu ihrer eigenen Legitimation auf ihre Nachbarn in Bischkek. "Schaut, so geht es euch, wenn ihr uns stürzt." Als "Unordnung und Chaos" bezeichnete Kreml-Sprecher Dmitri Peskow die Lage in Kirgisistan. Und er hat recht.

Denn Vitrinen zerschlagen fällt nicht unter die freie Meinungsäußerung, Geschäfte plündern und politische Gegner (halb)tot prügeln sind keine Anzeichen einer Demokratie. Schon Alexis de Tocqueville hat erkannt, dass Demokratie nur funktioniert, wenn Konflikte friedlich im Kompromiss gelöst werden und Minderheiten keine Angst vor Verfolgung haben müssen. Das sollte ins Lehrprogramm der Kirgisen. (André Ballin, 9.10.2020)