Die wirre Welt der Verschwörungstheoretiker nimmt "Am Schauplatz" am Donnerstag, dem 15. Oktober unter die Lupe. Die ORF-Journalistin Nora Zoglauer hat dazu monatelang die Szene der Corona-Skeptiker begleitet. Das verspricht nicht nur schöne Bilder.

Dabei ist diese Szene nicht nur wirr, sondern in jeder Hinsicht facettenreich. Die Stiftung Gurutest fasst ihre eigenen Beobachtungen von den Einpeitschern, Ausplauderern, Schuldzuweisern und Selbstdarstellern zusammen. Wir öffnen die auffälligsten Schubladen.

Einpeitscher mit Sendungsbewusstsein und voller Naivität

Florian Ortner ist der Einpeitscher der wöchentlich stattfindenden Demos in Linz. Er weiß, dass die Familie Rothschild die Zügel der Welt ganz fest in der Hand hält und traut sich das auch zu sagen. Auf der Bühne liest er so gut wie alles vor, was man ihm in die Hand gibt - sofern es in das Weltbild einer bösen, elitären Verschwörung gegen das gemeine Volk passt. Am 19. Juni trug Ortner ein bizarres Pamphlet vor. Den Zettel hatte er einen Tag vorher zugespielt bekommen - von "hochrangigen Klinikärzten" aus ganz Österreich, die zum Thema Impfen nicht mehr schweigen wollen und die demnächst eine Whistleblower-Webseite mit tausenden unterdrückten Studien zu den fatalen Schäden von Impfungen veröffentlichen würden. Die Botschaften, die Ortner abliest, triefen vor Pathos, der Fake ist durchschaubar wie das Glas in der Auslage des Nespresso-Flaghsipstores um die Ecke.

Ortner liest mit erregtem Timbre Sätze wie diese: "Naturferne und verirrte Forschung hat die Herrschaft über die edle Wissenschaft der Heilkunde gewonnen. Wir werden die Deutungshoheit zurückerobern." Oder: "Impfungen und Chips sind nur ein Teil der Matrix der dunklen Mächte. Wir müssen auch die anderen aufdecken." Die Menge johlt, als Ortner schließt: "Tragt die Botschaft in die Welt: UnVaxxed Souls Matter – Ärzte gegen Impfterror."

Der Haken an der Geschichte: Das angebliche Statement angeblicher Ärzte ist chiffriert, die Anfangsbuchstaben der 17 Absätze des Kasperl-Apells ergeben den Satz: "Nichts davon stimmt." Da hat Ortner und seiner Linzer Stehgreifbühne wohl jemand einen Streich gespielt.  

Der rechtsextreme Narrensaum

Die rechtsextremen Identitären haben von den ersten Demos der Verwirrten an Gesichtsbäder genommen, diskret, aber doch erkennbar. Die eher ungelenken Akteure der rechten Staatsverweigerszene erhalten schon mal aus Deutschland Unterstützung. Ende August fand in Berlin ein Sturm eines rechten Mobs auf den Reichstag statt, die schwarz-weiß-roten Fahnen der Szene verstörten das Land. Am 5. September klärt der Deutsche Franz Radon in Wien bei der Kundgebung im Resselpark auf, dass die Symbolik leider missverstanden werde. Radon schwärmt vom deutschen Kaiserreich, von Otto von Bismarck, der den "Vatikan rausgeschmissen hat aus dem deutschen Reich" und klärt die verdutzte, aber überschaubare Menge auf: "Nur mit dem Kaiserreich werden wir Frieden bekommen." 

Vom aktuellen Interregnum in Deutschland hält Radon nicht sonderlich viel. Bei einem Aufmarsch in Berlin sagt Radon: "Wir werden von pädophilen Satanisten regiert, von Freimaurern, Jesuiten, von khasarischen Zionisten." 

Einen Auftritt in Wien hatte auch der Jurist Lucas Tuma. Dessen Vita führt unter anderem zur "Wiener Akademischen Ferialverbindung Reich". Thuma war deren Vorsitzender, Gottfried Küssel begnügte sich mit der Rolle als Kassier und Schriftführer. Der Verein, dessen Logo ein Wappen mit einem kaum kaschierten Hakenkreuz schmückte, veranstaltete einst Vorträge für "Reichsbrüder" zu spannenden Themen: "Das Verbotsgesetz – ein österreichisches Paradoxon" oder "Die Zersetzer - wer vernichtet Volk und Land". So ein Redner ist natürlich gefragt, um vor einem Faschismus zu warnen, der langsam über eine Mund- und Nasenschutz-Pflicht installiert wird. Thuma beklagt, dass der Verfassungsgerichtshof ein "Freizeitgerichtshof mit Nebenerwerbsrichtern" sei und appelliert an zivilen Widerstand gegen die Regierung. Dazu hat er seit seiner Zeit bei der VAPO (Volkstreue Außerparlamentarische Opposition) vermutlich konkrete Vorstellungen.

Ärzte ohne Schamgrenzen

Weniger ideologisch motiviert sind die Auftritte mancher Ärzte bei den Demos. Der Mediziner Peer Eifler aus Bad Aussee tingelte zu mancher Veranstaltung und rührte dabei auch ein wenig die Werbetrommel in eigener Sache. Im Frühjahr machte er aus der Not der Maskenpflicht eine Tugend und begann Blanko-Atteste zu verkaufen. Die sollten dem Inhaber des Attests bescheinigen, aus körperlichen oder psychischen Gründen keinen Mund- und Nasenschutz tragen zu können. Auf eine Anamnese oder Untersuchung verzichtete der Arzt. Eifler bewarb die Blanko-Atteste keck auf seiner Facebook-Seite. Abgesehen von der rechten Krawallpostille "Wochenblick", die Eifler zum Don Quichote der Covidioten zu stilisieren versucht, hielt sich die Begeisterung für Eiflers Einsatz gegen die furchtbaren Masken in Grenzen. Anfang Oktober entzog die Ärztekammer Eifler die Approbation. Eifler ordiniert nun als "Energetiker", Atteste darf er nicht mehr ausstellen. Im Umlauf sind sie aber weiterhin: Bei der Wahl in Wien am Sonntag wollte sich eine Beisitzerin der FPÖ mit dem Pseudo-Attest Eiflers maskenlosen Zugang zum Wahllokal verschaffen. 

Lediglich die Anstellung in der Grazer Universitätsklinik verloren hat die Ärztin Konstantina Rösch. "Jeder, der behauptet, dass diese Masken vor irgendetwas schützen, der lügt", behauptete Rösch am 1. Juli in Wien auf der Bühne der "Initiative für evidenzbasierte Coronainformationen". Eine harsche Ermahnung der Klinikleitung ließ die Ärztin kalt, sie zog munter weiter mit der Karawane der Corona-Skeptiker, bis es der Klink reichte.

Seuchenfreunde und Sektenmediziner

In Stellung gebracht hat sich die rege Szene der Impfgegner. Kaum eine Kundgebung vergeht, ohne dass Franziska Loibner oder Claudia Millwisch die Agenda unter das Volk bringen. Die beiden Aktivistinnen sind für den Verein AEGIS aktiv, der ersten Adresse der Seuchenfreunde Österreichs. Welch Geistes Kind der Verein Aegis ist, verraten derlei Aussagen: "Die Masernimpfung schützt nicht, sondern kann schwere Krankheiten nach sich ziehen." 

Die selbsternannte Virologin Eva Schuhmacher räumt bei einer Kundgebung in Wien gleich mit einem Irrtum auf, dem wir seit Generationen arglos und ahnungslos aufsitzen: "Die Lüge begann im 19. Jahrhundert. Louis Pasteur und Robert Koch haben einfach behauptet, dass Viren krank machen und ansteckend sind." Schuhmacher mit erregter Stimme: "Es gibt keine Beweise dafür, dass Viren ansteckend sind." Das Publikum applaudiert laut.   

In Linz rührt am 30. Mai Björn Eybl die Werbetrommel für den "Studienkreis 5 Biologische Naturgesetze". Das klingt harmlos, hinter dem Begriff versteckt sich allerdings die "Germanische Neue Heilkunde" des vor drei Jahren verstorbenen Gurus Ryke Gerd Hamer. Dessen "Lehre" in einem Satz: Die Juden wenden die Germanische Heilkunde längst an, das verheimlichen sie aber und an den anderen Völkern verüben sie mit Chemotherapien und Impfungen einen Holocaust. In Linz redet Eybl, der bei den olympischen Spielen in Los Angeles im Jahr 1984 als Windsurfer an den Start ging, mit der Politik Tacheles: "Die Spaltung in rechts und links ist vorbei (...) Wir sind eine Einheit und Menschenbrüder" und beschwört, dass das Spiel der Eliten, "dass die seit tausenden Jahren spielen", vorbei sei. An wen Eybl dabei denkt? An Pharao Ramses oder König Nebukadnezar? Diese Chiffren sind immer sehr schwer zu lösen. 

Demo von Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern gegen Corona-Maßnahmen im August in Wien.
Foto: Christian Fischer/derstandard.at

Der Technologie-Schwurbler

Steve Whybrow (aka Whyborowa) ist vermutlich der Redner mit dem meisten Auftritten auf den Corona-Bühnen des Landes. Er hat ein Steckenpferd: das 5G-Netz. Und er hat jede Menge Zeit in die Forschung zu dem Thema gesteckt und schafft es bei seinen Auftritten stets, den neuen, teuflischen Mobilfunkstandard, die böse Maskenpflicht und die vermeintliche Corona-Epidemie unter einen Hut zu bekommen.

Am 18. September schwadroniert Whybrow in Linz über die "perverse Kabale, von der ein Genozid ausgeht". Die Kabale stehe an Spitze eines pyramidalen Systems, der Genozid erfolge mit dem "Mikrowellensystem" 5G. Whybrow bringt Bilderberger, die UN, die trilaterale Kommission, die EU in einem Satz unter, das pyramidale System reiche hinunter bis in die Bezirke und Gemeinden. Doch Whybrow durchschaut die Perfidie: "Der Trick von dem ganzen System ist, dass wir die Verantwortung für den Genozid an unserer eigenen Spezies übernehmen." Wenn man die Pyramide umdrehe, dann hat man das Symbol des Staates Israel. So einen wie Whybrow kann die teuflische Elite mit seinen Symbolen nicht so leicht täuschen. Der Forscher und "investigative Journalist" bringt die Sache in einer messerscharfen Analyse auf den Punkt: "Die Souveränitätspyramide nach unten, das hängt auch mit Elektromagentismus zusammen (...) Wir sind eletromagentische Wesen. Das ist der Grund dafür, dass man Magnetismus nicht studieren kann. (...) Das will die Elite nicht, dass wir das herausfinden." 

Juergen Lessner NeueWahrheit DOT com

Diese Worte lasen uns etwas ratlos zurück. Die Stiftung Gurutest rät: Hände waschen, Abstand halten, Fetzerl vor Mund und Nase und wenn dann noch Zeit und Luft bleibt: Der Elite zum Trotze Magnetismus studieren! (Christian Kreil, 14.10.2020)

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