Als Covid-19 Donald Trump heimsuchte, nahm der amerikanische Präsident Gott in den Schwitzkasten. Gerade vom Krankenlager auferstanden, pries er das experimentelle Antikörpermedikament, das er erhielt, als einen "Segen Gottes" und ein "Wunder, wie von Gott gesandt". Gott zieht immer, dachte Trump vermutlich, und tatsächlich spielt Religion eine wichtige Rolle im Leben und im Alltag der Amerikaner – obwohl die Gesamtzahl der US-Bürger, die sich einer Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlen, seit Jahren rückläufig ist.

In Atlanta, Georgia zum Beispiel, wo ich lebe, mitten im Bible Belt, dem Bibelgürtel des Landes. Hier stehen an einer Kreuzung in der Innenstadt nur wenige Meter voneinander entfernt eine Baptistenkirche und zwei Kathedralen, eine episkopale und eine katholische. "Amen Corner" heißt das fromme Eck im Volksmund. Und selbst im Fitnessstudio verabschiedet sich die Aerobic-Trainerin ganz selbstverständlich mit "God bless".

Im Jänner segneten Evangelikale Trump noch in Miami.
Foto: REUTERS/Tom Brenner

Sinkende Zustimmung

Doch Trumps aktuellste Verbrüderung mit Gott könnte zum Bumerang werden. Der Medikamentencocktail, den der Präsident bekam, wurde aus Zelllinien entwickelt, die dem Gewebe abgetriebener Föten entstammen. Das dürfte seiner treuesten Wählergruppe, den weißen konservativen Evangelikalen, nicht gefallen. Schließlich sind sie radikale Abtreibungsgegner. 2016 hatten sie noch mit 81 Prozent für Trump gestimmt.

Zufall oder nicht, dass die Trutzburg der gottesfürchtigen Trump-Getreuen zu bröckeln beginnt. Eine Umfrage des Public Religion Research Institute kam bereits im Juli zu dem Ergebnis, dass die Zustimmung der weißen Evangelikalen für Trump um sieben Prozentpunkte gesunken sei.

"Mangel an Anstand"

Der Trend könnte sich fortsetzen, nachdem sich vor wenigen Tagen 1.600 hochrangige Kirchenführer offen für Joe Biden ausgesprochen haben, darunter auch ehemalige Trump-Anhänger sowie Jerushah Duford, die Enkelin des 2018 verstorbenen evangelikalen Fernsehpredigers Billy Graham. In einer Erklärung geißeln die Kirchenführer Trumps "Mangel an Anstand und Demut" sowie seine "Grausamkeit und Korruption".

Jerushah Duford ist schon länger skeptisch gegenüber Trump.

Dennoch: Viele Beobachter erwarten nicht, dass die Stellungnahme der Kirchenführer das Verhalten der weißen Evangelikalen – die etwa ein Viertel der amerikanischen Wählerschaft ausmachen – an der Urne grundsätzlich ändern wird. "Die Mehrheit wird für Trump stimmen, ganz egal was er tut", sagte mir David Gushee, Moraltheologe an der Mercer University in Atlanta. "Das ist wie ein Kult."

Drei Gründe für Trump

Wie aber können Menschen mit derart strikten Moralvorstellungen einen moralisch so fragwürdigen Präsidenten unterstützen? Das habe ich den Religionssoziologen Philip Gorski gefragt, der ein Buch dazu geschrieben hat, "Am Scheideweg".

Er nannte drei Gründe: Für viele Evangelikale sei das "eine Art Tauschgeschäft": Trump ernennt konservative Richter für den Supreme Court, die das liberale Abtreibungsrecht kippen könnten; dafür bekommt er evangelikale Stimmen. Andere wählen Trump, weil sie die Demokraten hassen. Vor allem, sagt Gorski, vereine Trump und seine evangelikalen Anhänger die Ideologie des weißen christlichen Nationalismus – "die Überzeugung, dass Amerika von weißen Christen aufgebaut wurde und dass deren Welt bedroht ist – durch Immigranten, Kommunisten, Atheisten". Für viele Evangelikale sei Trump der gottgesandte Retter.

Einige Evangelikale halten den US-Präsidenten für den Retter.
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Kein kohärenter Block

Doch Gorski ist optimistischer als sein Kollege Gushee. Er setzt darauf, dass evangelikale Christen in den USA noch nie ein kohärenter Block waren. Zwar ist die Mehrheit der Evangelikalen theologisch und politisch konservativ. Aber nicht alle. Da sind die schwarzen Evangelikalen. Der Baptistenprediger und Bürgerrechtsführer Martin Luther King Jr. war einer von ihnen. Raphael Warnock, ein Nachfolger Kings als Pastor der Ebenezer Baptist Church in Atlanta, tritt als Kandidat der Demokraten für den US-Senat an. Erklärte Linksevangelikale wie der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter verknüpfen ihren Glauben mit sozialem Engagement.

Vor allem unter jüngeren Evangelikalen wächst der Unmut über ihre Trump-treuen Glaubensgenossen, die das evangelikale Etikett, wie sie meinen, gekapert haben. Meine Nachbarin Ally, Reporterin für ein Lifestyle-Magazin und Mitglied einer modernen Baptistengemeinde, bedachte vor kurzem, nach dem zweiten Glas Wein in meinem Garten, den Präsidenten mit einem Satz, wie ihn nur der amerikanische Süden hervorbringen kann, zuckersüß und bitterbös': Bless his heart. Gott segne seine Seele. (Katja Ridderbusch aus Atlanta, 12.10.2020)

Katja Ridderbusch ist freie Journalistin und Autorin. Sie lebt in Atlanta im Bundesstaat Georgia und berichtet für "Welt", STANDARD, "Jüdische Allgemeine", Deutschlandfunk, U.S. News & World Report sowie verschiedene Stationen des US-Rundfunks NPR.
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