Am 12. Oktober 2019 haben Eliud Kipchoge, Wolfgang Konrad und Jim Ratcliffe die Sportwelt gespalten. Kipchoge legte auf der Hauptallee im Wiener Prater die Marathondistanz in einer Stunde, 59 Minuten und vierzig Sekunden zurück, bewältigte die 42,195 Kilometer somit als erster Mensch per pedes in weniger als zwei Stunden. Ratcliffe, der Chef des britischen Chemie-Konzerns Ineos, hatte das Unternehmen finanziert. Und Konrad, der Veranstalter des Vienna City Marathons, hatte für die Bühne gesorgt.

Kipchoges Marke in Wien zählte nicht als Weltrekord. Den (2:01:39) hat er 2018 in Berlin fixiert.
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Der Aufwand war gigantisch, die Hauptallee war teilweise frisch asphaltiert worden, beim Lusthaus wurde eine temporäre Steilkurve hingelegt. Und im Rennen rotierten 41 Pacemaker, viele von ihnen Superstars der Laufszene, quasi permanent. Das Budget, das Ineos lockermachte, blieb geheim. Man konnte von einem relativ hohen zweistelligen Millionenbetrag ausgehen, 2017 hatte Nike in einen ähnlichen und letztlich knapp gescheiterten Versuch in Monza dreißig Millionen Euro investiert.

Keine Mondlandung

Klar ist, dass das Ineos-Kalkül, "Sportswashing" quasi neu zu definieren, voll aufgegangen ist. Imagepolitur also durch Investment in aufsehenerregende Sportevents. Imagepolitur konnte und kann dem Brexit- und Fracking-Befürworter Ratcliffe nicht schaden.

Weltrekord oder nicht? Sportgeschichte oder nicht? Darüber wurde heftig diskutiert, nicht nur in der Laufszene, nicht nur in Wien, sondern weltweit. Dabei haben sich die beiden Fragen recht flott beantworten lassen. Weltrekord war es natürlich keiner, weil etliche Parameter dem Regulativ zuwiderliefen. Allein, dass Tempomacher immer wieder ein- und aussteigen, verhindert eine diesbezügliche Anerkennung. Eine grandiose Leistung war es allemal, man konnte vor Kipchoge nur den Hut ziehen. Die Leistung des Kenianers mit der Mondlandung zu vergleichen hätte sich Ratcliffe wiederum sparen können.

Wolfgang Konrad sah insofern ein wenig durch die Finger, als sich Kipchoges Großtat für den Vienna City Marathon nicht versilbern ließ. Schließlich wurde die Auflage 2020 aus bekannten Gründen abgesagt, und der nächste Wien-Marathon soll erst im Herbst 2021 steigen. Ob Kipchoges Hauptallee-Lauf dann noch vielen in Erinnerung ist und sich damit im Vorfeld werben lässt, bleibt abzuwarten.

Was ganz gewiss vom Ineos-Unterfangen blieb, ist kein Quanten-, sondern ein Riesensprung im Bereich der Laufschuhentwicklung. Nike hat Unsummen in den Vaporfly und in sein Nachfolgemodell Alphafly investiert, einen Schuh mit auffallend dicker Sohle, der dennoch extrem leicht ist – er wiegt deutlich weniger als 200 Gramm. Die Konkurrenz hatte das Nachsehen, ihr blieb nur, sich beim Leichtathletik-Weltverband World Athletics (WA), der früheren IAAF, zu beschweren.

Die Äthiopierin Letesenbet Gidey lief mit dem Schuh Dragonfly zum Weltrekord über 5000 Meter.
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World Athletics kam nicht umhin, die neuen Modelle einer genauen Untersuchung zu unterziehen. Ergebnis: Der maßgeschneiderte Schuh, den Kipchoge in Wien trug, würde so nicht mehr durchgehen. Die beiden Serienmodelle Vaporfly und Alphafly entsprechen aber sehr wohl den neuen Regeln, die der Verband aufgestellt hat, aufstellen musste. Diesen zufolge darf die Sohle eines Laufschuhs nicht (mehr) dicker als 40 Millimeter sein, und es darf sich maximal eine (Carbon-)Platte im Schuh befinden. Diese Platte darf zwar mehrere Teile haben, die Teile dürfen sich aber nicht überlappen. Und, das ist ein wesentlicher Punkt: Neue Schuhe müssen vier Monate lang im Handel erhältlich sein, bevor sie von Spitzenläuferinnen und -läufern getragen werden dürfen.

Von einem anderen "Wunderschuh" ebenfalls aus der Nike-Werkstatt, dem Dragonfly, wurden kürzlich Joshua Keptegei aus Uganda und die Äthiopierin Letesenbet Gidey zu Fabelweltrekorden über 10.000 bzw. 5000 Meter getragen. Dieser Schuh (mit Spikes), obwohl oder weil nur Spezialisten zu empfehlen, ist bereits um 150 Euro erhältlich, die Marathonmodelle kosten mehr, sie werden um 275 bis 300 Euro angeboten.

Mögliche Kontrollen

Hannes Gruber, der Sportkoordinator des österreichischen Verbands (ÖLV), verweist auf eine "Liste mit zertifizierten Schuhen", die auf der WA-Website einzusehen sei. "Es kann einem Sieger jetzt passieren, dass ihm sein Schuh im Ziel abgenommen und nachkontrolliert wird. Wie auch ein Diskus oder ein Speer kontrolliert werden."

Der Salzburger Peter Herzog, der kürzlich beim London-Marathon österreichischen Rekord (2:10:06) erzielte, war dabei mit dem Nike Alphafly unterwegs. "Der Schuh ist unser einziges Werkzeug", sagt er. Mit den neu entwickelten Modellen, sagt er auch, laufe man nicht prinzipiell schneller, das wäre ein Aberglaube. Ihren großen Vorteil sieht er in der Dämpfung. "Sie hilft der Muskulatur, die dann hinten raus, am Ende eines Rennens, frischer ist." Das kann helfen, dem berühmten "Mann mit dem Hammer" zu enteilen – und bestenfalls die zweite Hälfte eines Marathons schneller zurückzulegen als die erste.

Negativ ist positiv

Dieses oft versuchte, aber selten gelungene Kunststück hat Herzog in London vollbracht. Man spricht von einem Negativ-Split, der durchaus positiv ist. Übrigens hatte am 12. Oktober 2019 in Wien auch Eliud Kipchoge die zweite Halbmarathondistanz (59:46) schneller absolviert als die erste (59:54). Die Bezeichnung Negativ-Split allerdings hatte vor einem Jahr so oder so noch einen seltsameren Klang als heute, da positive Ergebnisse prinzipiell oft als negativ und negative als positiv wahrgenommen werden. (Fritz Neumann, 12.10.2020)