Die gegenseitigen Angriffe nehmen kein Ende. Hier in der aserbaidschanischen Stadt Ganja am 12. Oktober.

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Die vereinbarte Waffenruhe im zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittenen Gebiet Bergkarabach hält trotz internationaler Appelle nicht. Beide Konfliktparteien warfen einander am Dienstag gegenseitig schweren Beschuss in dem südkaukasischen Krisengebiet vor.

Die Regierung der international nicht anerkannten Republik Bergkarabach meldete am Dienstag Angriffe mit Raketen und Artillerie durch die aserbaidschanische Armee. Das Verteidigungsministerium in Baku warf hingegen Armenien vor, mit dem Beschuss begonnen zu haben, insbesondere im westaserbaidschanischen Rayon Tərtər. Eriwan wiederum zieh die Gegenseite in Baku der Lüge. Aserbaidschan bereite der Aggression den Boden und greife aus allen Richtungen an.

Gescheiterte Vereinbarung

In der Nacht auf Samstag war unter Vermittlung der russischen Regierung in Moskau eine Waffenruhe vereinbart worden, die unmittelbar nach Inkrafttreten schon wieder gebrochen wurde. Der russische Außenminister Sergej Lawrow forderte am Montag die Gegner nachdrücklich auf, die Vereinbarung zu respektieren. Armeniens Premier Nikol Paschinjan bedauerte das Scheitern der Abmachung.

Das Internationale Rote Kreuz forderte am Dienstag von beiden Seiten die Durchführung des vereinbarten Austauschs von Gefangenen und Gefallenen. Bei den seit zwei Wochen andauernden Gefechten sind bereits hunderte Menschen ums Leben gekommen, wobei die von den Konfliktparteien bekanntgegebenen Zahlen mit Vorsicht zu betrachten sind, da sowohl Armenien als auch Aserbaidschan der Gegenseite die jeweils größeren Verluste bereitet haben wollen.

Viele tote Zivilisten

Die Behörden Bergkarabachs meldeten 542 gefallene Soldaten und 31 tote Zivilisten durch den Beschuss von aserbaidschanischer Seite. Baku wiederum gab keine eigenen militärischen Verluste bekannt, führte jedoch 42 getötete Zivilisten an. Von 1.450 Jihadisten, die aus Syrien nach Aserbaidschan eingeschleust worden sein sollen, sollen schon 119 getötet worden sein.

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu erklärte, dass die Forderungen nach einem Waffenstillstand zwar vernünftig seien, aber gleichzeitig auch der "Abzug Armeniens von aserbaidschanischem Land" verlangt werden müsse. Nach dem Zerfall der Sowjetunion verlor Baku nach einem blutigen Krieg die Kontrolle über das von christlichen Armeniern bewohnte Gebiet. 1994 wurde eine Waffenruhe vereinbart, die von Beginn an auf tönernen Füßen stand. (Michael Vosatka, 13.10.2020)